Coronavirus

Die Corona-Krise im Fokus der Wissenschaft

Die Corona-Krise ist die Stunde der Experten. Denn die Politik ist auf die Einschätzungen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen angewiesen, um ihre Entscheidungen zu begründen. Doch auf wen soll sie hören, wenn sogar diese Experten ihre Einschätzungen ändern? Ein Kölner Erkenntnistheoretiker bietet Orientierung.

Ein Sozialpsychologe reflektiert über die Risiken und Nebenwirkungen sozialer Netzwerke in Zeiten von Corona, Wirtschaftswissenschaftler sinnieren über die Gründe für Hamsterkäufe und überlegen, wie Unternehmen ihre Lieferketten krisensicher gestalten können. Eine Juristin erklärt, warum das Recht Ärzten auf der Intensivstation keine Handlungsanweisungen geben kann.  Geschäftsführer Marc Kley vom Exzellenz Start-Up Center der Universität zu Köln spricht im Interview über den Umgang mit den Auswirkungen der Krise. Und warum der Lockdown droht, eine Belastung für Familien und das soziale Hilfesystem zu werden, erklärt Nadia Kutscher, Professorin für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit.

An dieser Stelle werden fortlaufend neue Beiträge von und über Kölner Expertinnen und Experten folgen, die verschiedene Aspekte der Corona-Krise aus der Perspektive ihres jeweiligen Fachs beleuchten.

Welchen Experten sollen wir glauben?

Eine Orientierungshilfe in Zeiten von Corona von Professor Thomas Grundmann

Thomas Grundmann

In seiner jüngsten Stellungnahme hat der Deutsche Ethikrat zu Recht betont, dass nicht die Wissenschaft, sondern die dafür demokratisch gewählten Repräsentanten die politischen Entscheidungen über Ausgangssperren oder Schulschließungen treffen. Dabei müssen nicht nur medizinische und wirtschaftliche Fakten berücksichtigt werden, sondern es muss auch normativ abgewogen werden, wie der Schutz der Gesundheit, Freiheitsrechte und der dauerhafte Wohlstand gegeneinander gewichtet werden. Dennoch ist wissenschaftliche Beratung unverzichtbar.

Die politischen Entscheidungen sollen auf der Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Daten, Prognosen und Empfehlungen erfolgen. Anders als in den USA, wo der Präsident die Corona-Erkrankung anfangs noch für einen „Trick“ der Demokraten hielt, und anders als in Brasilien, wo Bolsonaro jüngst sogar zum Boykott der von den Gouverneuren aufgrund von Expertenempfehlungen verhängten Ausgangssperren aufgerufen hat, ist die derzeitige öffentliche Stimmung in Deutschland uneingeschränkt expertenfreundlich.

Keine Talkshow kommt ohne Virologinnen oder Epidemiologen aus, Wissenschaftler loben ausdrücklich Gesundheitsminister Jens Spahn dafür, dass er seine Entscheidungen in engster Abstimmung mit den medizinischen Expertinnen und Experten trifft, und der Corona-Podcast des Berliner Virologen Christian Drosten hat inzwischen fast Kultstatus. Die Öffentlichkeit und die Politik haben also ein offenes Ohr für die wissenschaftlichen Experten.

Experten ändern in dieser Krisenzeit jedoch ihr Urteil in Windeseile. So sah Christian Drosten noch am 27. Februar keinen Grund, auf Italienreisen zu verzichten. Er begründete dies mit dem Hinweis auf die geringe Infektionsdichte. Ein Ansteckungsrisiko sei niedrig. Eine Einschätzung der tatsächlichen Gefahrenlage, die aus heutiger Sicht eindeutig falsch war.

Auch bei vielen staatlichen Maßnahmen ist auffällig, wie schnell die Experten ihre Einschätzung dazu ändern. Erst wurde das Verbot von Großveranstaltungen für übertrieben gehalten, dann empfohlen. Ähnlich wechselhaft verliefen die Einschätzungen mit Blick auf Schulschließungen, Kontaktsperren oder Atemmasken. Die Urteile der Experten haben offensichtlich keine lange Halbwertszeit.

Die Verwirrung wird noch dadurch gesteigert, dass die Experten nicht mit einer gemeinsamen Stimme sprechen. Dennoch zeichnet sich  eine deutlich überwiegende Mehrheitsmeinung unter den wahrnehmbaren Stimmen ab: Die allermeisten Epidemiologen und Virologen prognostizieren zur Zeit extrem dramatische Verläufe der Corona-Pandemie einschließlich einer totalen Überlastung der Intensivmedizin und Hundertausenden, wenn nicht Millionen von Toten in einzelnen Ländern, sollte es nicht zu einer staatlich verordneten drastischen sozialen Distanzierung kommen.

Die meisten Experten folgen dabei den mathematischen Modellierungen einer Studie des Londoner Impirial College. Andere Modellrechnungen der Universität Basel und der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Demgegenüber gibt es jedoch eine wachsende Zahl abweichender Stimmen, von denen einige wichtige in der letzten Woche in zwei Artikeln des Onlinemagazins OffGuardian zusammengestellt wurden, darunter hoch renommierte Wissenschaftler aus Oxford oder Stanford. Sogar ein Nobelpreisträger befindet sich auf der Liste.

Alle Abweichler eint die These, dass die Mainstream-Wissenschaftler und die Presse die Brisanz der Lage unbegründet dramatisieren und unnötig Panik verbreiten.

Es werden vor allem drei Gründe genannt:

Erstens wird bemängelt, dass die Infektions- und Todeszahlen nicht in ein Verhältnis zu den entsprechenden Zahlen bei saisonalen Grippen gesetzt werden. Wenn man berücksichtige, dass in Grippezeiten in Deutschland jährlich bis zu 25.000 Menschen sterben (beispielsweise bei der besonders schweren Epidemie 2017/18) oder in Italien wöchentlich bis zu 500 Personen, dann lägen die jetzigen Zahlen immer noch im normalen Bereich.

Zweitens hat der hoch renommierte Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis von der Stanford Universität darauf hingewiesen, dass wir derzeit einfach gar nicht wissen, wie viele unbemerkte Infektionen es tatsächlich gibt, sondern die Sterblichkeit nur anhand der auffälligen, relativ schweren Krankheitsverläufe berechnen würden. Dadurch komme es zu einer Überschätzung der Sterblichkeit. Ioannidis spricht von einem „Fiasko fehlender Evidenz“.

Drittens geht die Oxforder Epidemiologin Sunetra Gupta in ihrer jüngsten Studie sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass sich in England durch unbemerkte Infektionen schon eine weitgehende Herdenimmunität der Gesamtbevölkerung eingestellt habe, sodass ein explosionsartiger weiterer Verlauf der Epidemie gar nicht zu erwarten sei (die sogenannte Eisberghypothese).

Wenn man sich ernsthaft klarmacht, wie rasant sich das herrschende Mehrheitsurteil zur Corona-Infektion unter den medizinischen Experten ändert und dass dieses herrschende Urteil zudem von anderen Experten massiv bezweifelt wird, dürfen sich Öffentlichkeit und Politik dann weiterhin an einem solchen Urteil orientieren? Obwohl es zunächst überraschend klingen mag: Ja, sie sollte sich auch unter diesen Umständen am herrschenden Expertenurteil orientieren. Warum?

Betrachten wir zunächst den rasanten Wechsel der Expertenurteile. Spricht er tatsächlich gegen deren Glaubwürdigkeit? Ganz und gar nicht. Zunächst ist zu berücksichtigen, dass sich die Infektionslage selbst rasant ändert. Was also eben noch unangemessen war, ist es jetzt schon dringend geboten. Und entsprechend muss sich auch das Urteil der Experten ändern, damit es situationsbezogen wahr bleibt. Außerdem befinden sich die Experten bezüglich der Corona-Infektion zurzeit in einer besonders misslichen Erkenntnislage: Sie wissen einfach sehr vieles nicht und lernen durch die stark angekurbelte Forschung schnell hinzu. Da Experten vieles noch nicht wissen, ist es auch nicht ungewöhnlich, dass sich ihr Urteil hinterher häufig als falsch herausstellt. Und da die Experten beständig neue und mehr Daten bekommen, ist es nur vernünftig, das Urteil diesen neuen Daten beständig anzupassen. Ein rationales Urteil muss den Daten entsprechen. Ändern sich die Daten, dann muss sich auch das Urteil ändern. Trotz dieser ständigen Änderungen bleibt das jeweils aktuelle Expertenurteil die bestmögliche Entscheidungsgrundlage.

Aber was ist mit den Expertinnen und Experten, die vom herrschenden Expertenurteil abweichen? Hier lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen. Nicht jedes sogenannte Expertenurteil sollte gleich viel zählen. Auf den Listen des OffGuardians befinden sich viele Personen, die man nicht zu den wirklich relevanten Experten zählen darf, weil sie entweder keine Wissenschaftler sind oder weil sie nicht mehr aktiv an der Forschung teilnehmen oder weil sie zwar aktive Wissenschaftler sind, aber gar nicht im relevanten Fachgebiet arbeiten (wie beispielsweise der Chemie-Nobelpreisträger Michael Levitt). Interessanterweise sind es gerade diese Personen, die den gravierenden Unterschied zwischen der jetzigen Infektion und den saisonalen Grippen komplett unter den Tisch fallen lassen: dass ein natürlicher Stopp der explodierenden Infektionszahlen vorerst nicht zu erwarten ist, weil es keinerlei Immunität in der Bevölkerung gibt. Selbst wenn die Zahlen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht jeden erschrecken mögen, so ist dies doch sehr bald erwartbar.

Wenn man die genannten Personen abzieht, wird die Liste der abweichenden Expertenstimmen kürzer, aber sie ist nicht leer. Unter ihnen befinden sich namhafte medizinische Spezialisten von Spitzenuniversitäten. Kann man deren Urteil einfach ignorieren? Hier kommt nun eine weitere Überlegung ins Spiel. Für das Gewicht, das man einer Expertenposition gibt, spielt die Anzahl ihrer Anhänger eine entscheidende Rolle. Zahlen entscheiden hier durchaus. Und das lässt sich leicht erklären. Während Laien Urteile von anderen oft einfach übernehmen und deshalb breite Akzeptanz nicht unbedingt für die Wahrheit spricht, haben Experten die zuverlässige Fähigkeit und aufgrund des wissenschaftlichen Wettbewerbs auch den Anreiz, selbständig und kritisch nachzudenken. Dass eine Position dem Test der kritischen Überprüfung durch Kollegen standhält spricht deshalb typischerweise für deren Wahrheit. Das bedeutet für die abweichenden Experten, dass sie zunächst von ihren Kollegen akzeptiert werden müssen, damit sie öffentlich als glaubwürdig gelten können. Genau das ist im Fall der Eisberghypothese von Sunetra Gupta nicht passiert. Weitere Experten haben die Studie wegen spekulativer Annahmen massiv kritisiert.

In einer Hinsicht ist es mit dem vorherrschenden Urteil zur Corona-Infektion ähnlich wie mit den herrschenden Urteilen zum Klimawandel oder zur Nützlichkeit von Impfungen. Es gibt Abweichler. Manche von ihnen muss man nicht ernst nehmen, weil es Spinner oder Verschwörungstheoretiker sind. Andere muss man nicht ernstnehmen, solange ihre Auffassungen keine breite Akzeptanz unter Experten finden.

In anderer Hinsicht unterscheidet sich die wissenschaftliche Diskussion über die Corona-Pandemie jedoch sehr deutlich von den Diskussionen über den Klimawandel oder Impfungen. Weil die Experten noch extrem wenig wissen und weil sie rasant hinzulernen, ändert sich das Expertenurteil sehr schnell und ist es auch noch relativ unsicher.

Bislang gibt es nur durch wenige Daten gestützte Schätzungen der Dunkelziffer von Infizierten. Erst repräsentative Antikörpertests werden es ermöglichen, diese Zahl exakt zu bestimmen. Deshalb soll es diese Tests demnächst geben. Es lässt sich demnach zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht völlig ausschließen, dass COVID-19 am Ende sehr viel weniger gefährlich ist, als die Mehrheit der Experten es derzeit vermutet. Dann hätten die Abweichler Recht gehabt; und das wäre eine gute Nachricht. Aber bis dahin gebietet es uns die Vernunft, der herrschenden Expertenmeinung zu folgen.

Über den Autor:
Professor Dr. Thomas Grundmann hat an der Uni
versität zu Köln die Professur für Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Logik inne.

Information zum Text:
Dieser Beitrag ist zuerst am 3. April 2020 als Gastbeitrag unter dem Titel Wer verdient Vertrauen? im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

Was Kölner Forscherinnen und Forscher zum weltweiten Kampf gegen COVID-19 beitragen

Forscherin und Forscher vor Mikroskop mit Mundschutz, in weißen Laborarbeitskitteln, mit Blutprobe
Von Stephanie Wolff

Derzeit laufen zehn klinische Studien mit Corona-Infizierten am Medizinstandort Köln. Federführend für die Kölner Forschung sind unter vielen anderen der Virologe Florian Klein und der Infektiologe Gerd Fätkenheuer. Sie setzen große Hoffnungen in das Ebola-Medikament Remdesivir und in Therapien mit Antikörpern, die aus dem Blut von Genesenen gewonnen werden können.

Klinische Studien sind für die Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten unerlässlich. Nicht nur in Köln, sondern auf dem ganzen Globus forschen die Fachleute in einem nie da gewesenen Ausmaß an Diagnose-, Therapie- und Präventionsmöglichkeiten, um die lebensbedrohliche Erkrankung zu stoppen. Derzeit sind 1.518 Studien zu COVID-19 weltweit im Register „clinicaltrials.gov“ gelistet. 18 Medikamentenstudien sind deutschlandweit registriert, zehn Studien sind derzeit an der Kölner Universitätsmedizin aktiv oder in Planung.

Keine Therapie ohne sorgfältige Prüfung

Die Professoren Gerd Fätkenheuer (Infektiologie) und Florian Klein (Virologie) gehören zu den Forschenden an der Universitätsmedizin Köln, die die Therapie für Corona-Erkrankte in klinischen Studien vorantreiben. „Bei der Bekämpfung der neuartigen Erkrankung verfolgen wir unterschiedliche Lösungsansätze“, so Gerd Fätkenheuer. „Wir erproben den Einsatz neuer viraler Hemmstoffe. Durch die enge Zusammenarbeit mit Herrn Professor Klein haben wir zudem die Möglichkeit, neue immuntherapeutische Ansätze zeitnah klinisch zu untersuchen. Selbst wenn der gesellschaftliche Bedarf nach einer Therapie gegen Covid-19 derzeit extrem hoch ist, gilt auch hier: Es wird keine Therapie in die breite Anwendung kommen, die nicht vorher sorgfältig klinisch geprüft wurde.“

Welches Medikament könnte wirken?

Eines der vielversprechendsten bereits bekannten Präparate ist das ursprünglich für die Behandlung von Ebola entwickelte Medikament „Remdesivir“. In klinischen Studien – auch an der Kölner Uniklinik – wird getestet, ob sich dieses Arzneimittel für die Behandlung von COVID-19 eignet. Professor Fätkenheuer ist der deutsche Studienleiter eines internationalen Konsortiums zur Erforschung von Remdesivir. „Die wegen der Corona-Pandemie im Rekordtempo vorangetriebene Studie ist inzwischen weitgehend abgeschlossen“, sagt der Infektiologe. „Das Präparat Remdesivir ist die erste Substanz, für die eine Wirksamkeit in einer kontrollierten klinischen Studie nachgewiesen wurde. Sie verkürzt den Krankheitsverlauf bei betroffenen Patienten. Binnen weniger Wochen wird Remdesivir zum Einsatz bei Corona-Erkrankten zur Verfügung stehen.“ Die Studie zeigt auch, dass die Substanz insgesamt sehr gut verträglich ist.

Einen Antikörperkandidaten finden

Eine weitere Forschungsgruppe unter der Leitung von Professor Klein arbeitet mit Unterstützung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) an der Identifizierung und Verwendung von SARS-CoV-2 neutralisierenden Antikörpern, mit deren Hilfe sich COVID-19 behandeln lassen soll – und Infektionen auch verhindert werden könnten. Die so wichtigen neutralisierenden Antikörper tragen Patientinnen und Patienten in ihrem Blut, die bereits von COVID-19 genesen sind. „Unser Ziel ist es, aus dem Blut der wieder gesunden Patienten spezifische Antikörper zur Entwicklung eines klinisch wirksamen Arzneimittels zu verwenden“, erklärt Klein. Klein konnte bereits hochpotente Antikörper anderer Viren wie Ebola und HIV isolieren. Nach Abschluss der Untersuchungen soll ein potenter Antikörperkandidat für die klinische Erprobung zur Verfügung stehen.

Möglichkeit, von laufenden Studien zu profitieren

Etwa 600 klinische Studien laufen jährlich an der Uniklinik zu unterschiedlichsten Fragestellungen und Indikationen. „Patientinnen und Patienten der Kölner Universitätsmedizin profitieren unmittelbar von der Teilnahme an einer unserer klinischen Prüfungen“, unterstreicht Professorin Dr. Esther von Stebut-Borschitz, Wissenschaftsdekanin an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. „Ein Großteil aller schwer an COVID-19 Erkrankten in der Region hat die Möglichkeit, in laufende Studien eingeschlossen zu werden und so Zugang zu noch nicht zugelassenen Arzneimitteln und Behandlungsmethoden zu erhalten. Die Teilnahme an einer klinischen Studie erfolgt unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und ärztlicher Aufsicht. Für uns ist es selbstverständlich, uns mit unserer ausgewiesenen Expertise an der weltweiten Suche nach einer Therapie zu beteiligen.“

 

Weitere Forschung zum Coronavirus der Kölner Universitätsmedizin:

https://medfak.uni-koeln.de/corona/forschung-engagement

„Es gibt eine hohe Dunkelziffer“

Kleiner Junge neben Spielzeugflugzeug,kehrt den Rücken zu, vor Fenster sitzend

Es war eine der großen Sorgen nach dem Corona-Shutdown im März: Werden Kinder zuhause öfter misshandelt und keiner bekommt es mit? Die soziale Aufmerksamkeit nimmt ab, familiärer Stress wächst unter den Ausgangsbeschränkungen. Kindesmisshandlungen geschehen mehr denn je im Verborgenen – das zumindest befürchtet die Rechtsmedizinerin Professorin Dr. Sibylle Banaschak, die das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen (KKG) leitet.

 

Interview mit Sibylle Banaschak

Frau Professorin Banaschak, der Kinderschutzbund hat festgestellt, dass Meldungen wegen Kindesmisshandlung bei den Jugendämtern offenbar drastisch gesunken sind. Das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen (KKG) berät auch Praxen und Kliniken, also diejenigen Instanzen, die einen Großteil der Meldungen möglicher Kindesmisshandlung machen. Wird weniger gemeldet, weil weniger Kinder in die Artpraxen kommen?

Das KKG wird auch in Corona-Zeiten kontinuierlich angefragt. Wir sehen derzeit aber weniger Bilder von Hämatomen, also Verletzungen, die nicht zwingend behandelt werden müssen. Was selbstverständlich nicht heißt, dass körperliche Gewalt, aber auch sexuelle oder emotionale Misshandlung und Vernachlässigung an Kindern, unter Corona zurückgegangen ist. Die relativ geringe Meldequote erklärt sich tatsächlich damit, dass die Orte, an denen misshandelte Kinder auffallen können, über Wochen größtenteils geschlossen waren und nur schrittweise erst wieder auf ein normales Level hochfahren können.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik sterben in Deutschland durchschnittlich zwei Kinder pro Woche aufgrund von Gewalt oder Vernachlässigung. Sozialverbände befürchten seit Beginn des Corona-Shutdowns eine Zunahme an häuslicher Gewalt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die Zahlen der kriminalpolizeilichen Statistik beziehen sich auf bekannt gewordene Straftaten. Das ist tatsächlich bei dieser Frage ein unzureichender Maßstab. Die Zahl der tatsächlich misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kinder liegt vermutlich um ein Vielfaches höher. Social Distancing, das Wegbrechen von Hilfe- und Unterstützungssystemen sowie Ausweichmöglichkeiten können in diesen Zeiten familiäre Krisen befeuern und häusliche Gewalt verstärken. Mein Eindruck: Es gibt eine hohe Dunkelziffer, die ansteigt, je weniger Außenkontakte es gibt. Die Kliniken und Praxen sind leer, Schulen und Kitas  waren geschlossen – mit der Folge, dass Gewalt und Vernachlässigung an Kindern viel weniger gesehen wird. Weniger an das Jugendamt gemeldete Kinder bedeutet derzeit also nur, dass weniger Fälle von Kindesmisshandlung sichtbar werden.

Gibt es eine Chance, die Misshandlung später festzustellen?

Das Problem ist, dass Hämatome abheilen. Diese wichtigen Zeichen von Kindesmisshandlung können mit einer bestimmten zeitlichen Distanz nicht mehr gesehen werden. Ob die älteren Kinder später vermehrt berichten, müssen wir abwarten.

Gibt es einen spezifischen Maßstab für die Beurteilung familiärer Gefährdungssituationen für Kinder?

Wenn Jugendämter die Frage stellen, „Welche Eltern sind gut genug?“, fragen wir uns: „Ist das Kind sicher?“ Was zählt ist stets der Hinweis auf Gefährdung, nicht der eigene Maßstab.

Ist Kindeswohlgefährdung ein schichtspezifisches Problem?

Armut gilt als Risikofaktor, aber auch ein niedriger Bildungsstand, frühe Elternschaft, psychische Probleme, psychosozialer Stress. Familiäre Konfliktsituationen sind vielfältig. Tatsächlich findet Gewalt an Kinder in allen sozialen Schichten statt – es ist ein übergreifendes, gesellschaftlich relevantes Problem. Beispielsweise gibt es eine physische und eine emotionale Form der Vernachlässigung, die übrigens den größten Part bei der Verletzung des Kindeswohls ausmacht. Auch Gewalt existiert auf emotionaler und physischer Ebene. Wir beurteilen den Einzelfall, unabhängig von Herkunft und Wohnort. Die soziale Herkunft ist kein Bestandteil der Diagnose.

Professorin Dr. Sibylle Banaschak

Seit gut einem Jahr gibt es das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen. Sie beurteilen mit drei weiteren Rechtsmedizinerinnen Verdachtsfälle von Kindesmisshandlung und -missbrauch, auch sexuellem Missbrauch, und beraten zum weiteren Vorgehen. Wie sieht das genau aus?

„Das KKG bietet rund um die Uhr eine Telefonberatung für alle mit dem Kindeswohl betraute Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen für ganz Nordrhein-Westfalen an. Wir können Verdachtsfälle über ein Online-Konsil in Augenschein nehmen: Sind das Spuren eines Unfalls oder einer Misshandlung? Wenn sich Ärzte und Ärztinnen in Praxen und Kliniken bei der Diagnose unsicher sind, können sie über eine gesicherte Datenverbindung Bilder hochladen und Befunde fachlich durch unser Team bewerten lassen. Diese rechtsmedizinische Mitbeurteilung ist übrigens kostenlos.“

Außerdem bieten Sie Schulungen für Akteure im Gesundheitswesen an. Was ist Ihnen in diesen Zeiten besonders wichtig?

In den letzten Wochen mussten wir mit unseren Präsenz-Schulungen komplett aussetzen. Über 30 Schulungen sind aufgrund von Corona ausgefallen. Für Schulungen hatten wir vom Start weg einen regelrechten Anfrageboom und haben im letzten Jahr schon viel erreicht – Aufklärung, Austausch und interdisziplinäre Vernetzung ist ungemein wichtig beim Kinderschutz.

Wie schätzen Sie den konkreten Fortbildungsbedarf ein?

Das Thema Kindesmisshandlung ist komplex, das KKG hebt das Thema qua seiner Existenz in die fachöffentliche Wahrnehmung. Es gibt erfreulich viel Interesse. Wir möchten erreichen, dass alle Berufsgruppen, die im Gesundheitswesen und mit Kindern arbeiten, für Hinweise auf Gewalt und Vernachlässigung bei Kindern sensibilisiert werden. Wir haben jetzt einen Schulungsstau, den wir nicht 1:1 über die nun aufgesetzten Online-Schulungen auflösen können. Das Thema vermittelt sich besser in einem geschützten, realen Raum und in der direkten Begegnung.

Das Gespräch führte Stephanie Wolff.

 

Zur Person:

Professorin Dr. med. Sibylle Banaschak ist eine deutschlandweite Spezialistin für körperliche Misshandlungen und Missbrauch an Kindern. Die Rechtsmedizinerin mit dem thematischen Schwerpunkt klinische Rechtsmedizin diagnostiziert seit zwanzig Jahren Spuren und die typischen Merkmale von Misshandlungen an Kindern und hat mit drei weiteren Kolleginnen und Kollegen ein medizinisches Standardwerk zu dem Thema verfasst. Banaschak ist selbst Mutter eines 15-jährigen Sohnes und einer achtjährigen Tochter.

Über das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen (KKG) NRW

Das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen (KKG) NRW wird seit April 2019 am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW mit rund zwei Millionen Euro gefördert. Es ist ein Kooperationsprojekt mit den Vestischen Kinder- und Jugendkliniken Datteln, dort in der Abteilung Medizinischer Kinderschutz unter Leitung von Dr. med. Tanja Brüning. Die Förderung läuft zunächst noch bis März 2022.

Die Aufgabe des Kompetenzzentrums besteht darin, Ärztinnen, Ärzte und alle weiteren Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen in Nordrhein-Westfalen bei Fragen rund um die Thematik des medizinischen Kinderschutzes zu beraten. Der Standort in Datteln konzentriert sich stärker auf chronische Verläufe sowie Folgen von Vernachlässigung oder der Zeugenschaft von Gewalt, der Standort in Köln stärker auf körperlichen Missbrauch und Misshandlung. Neben der Leiterin Professorin Dr. med. Sibylle Banaschak gehören Dr. Judith Froch-Cortis, Dr. Katharina Feld und Dr. Svenja Binder zum Kölner Team.

Weitere Informationen:

https://www.kkg-nrw.de/

Corona im Fokus der Orientalistik

Die Corona-Pandemie betrifft Menschen weltweit. Béatrice Hendrich, Juniorprofessorin für Türkische Sprache und Kultur, und Katajun Amirpur, Professorin für Islamwissenschaft an der Universität zu Köln, beschäftigen sind mit der Situation im Iran, der Türkei und Zypern. Gibt es dort jeweils Besonderheiten in der Reaktion auf das Virus? Welche Rolle spielt dabei die Religion? Gibt es konkrete religiöse Bräuche, die jetzt nicht mehr oder in abgewandelter Form stattfinden müssen? Die beiden Wissenschaftlerinnen haben diese Fragen für uns beantwortet.

Reaktionen auf das Coronavirus im Iran, der Türkei und Zypern

Von Katajun Amirpur und Béatrice Hendrich

In der Türkei schien die Corona-Pandemie lange Zeit keine Rolle zu spielen. Während Italien oder Heinsberg mit großen Zahlen kämpften, freute man sich in der Türkei, wenigstens offiziell und in den Medien, dass keine Infektionen bekannt wurden.

Auf Zypern hingegen wurde schon die Möglichkeit einer Infektion in politischen Aktivismus umgemünzt: Bereits Ende Februar wurden mit dem Argument, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, vier der neun Grenzübergänge zwischen dem Norden und dem Süden der Insel geschlossen. Da auch der Checkpoint mitten in der geteilten Hauptstadt, in Nicosia komplett geschlossen wurde, kam es zu Demonstrationen auf beiden Seiten. Die Befürworter der Wiedervereinigung fürchteten nämlich, dass unter dem Deckmantel des Gesundheitsschutzes die schwer erkämpften Annäherungen zwischen Nord und Süd bewusst zerstört werden sollten. In der Folge wurde der Grenzverkehr vollständig eingestellt, was zu vielen wirtschaftlichen und persönlichen Härten führte. Die schrittweise Öffnung der Übergänge ist erst ab Juni ins Auge gefasst – lange nach der Wiedereröffnung von Frisören und Stränden.

In Iran hatte man schon früh hohe Infektionszahlen. Die Islamische Republik gehört zu den zehn am stärksten betroffenen Ländern der Welt. Doch die Regierung hatte die Krise lange Zeit heruntergespielt. Wohl um zu vermeiden, dass noch weniger Menschen an den Parlamentswahlen im Februar teilnehmen, als ohnedies angesichts der schon länger bestehenden Systemkrise und daraus resultierenden Wählerapathie erwartet, hatte man die Berichte von Ärzten ignoriert. Als Mitte Februar die ersten Toten, bei denen man als Ursache Corona vermutete, in der Stadt Qom gemeldet wurden, verschwieg die Regierung die Vorfälle.

Besonderheiten in der Reaktion auf das Virus

Der Umstand, dass es in der Türkei „mit Verzögerung“ zu nennenswerten Infektionszahlen kam, führte zur Produktion recht eigenwilliger Thesen: Einige Zeit stand hier die vermeintliche genetische Besonderheit der Türken im Mittelpunkt. Da die Türken der weißen Rasse, die Chinesen hingegen der gelben angehörten – lange Zeit offizielle Lehre der türkischen Republik, wenn auch weniger populär in der Gegenwart -, werde die Pandemie die Türkei verschonen. Ebenso beliebt war der Verweis auf den Brauch, Kölnisch Wasser in großen Mengen zu verwenden, oder auf die islamischen Reinheitsgebote. Beides seien traditionelle Hygienemaßnahmen, die den Ausbruch von ansteckenden Krankheiten verhinderten. Doch die Freude an der türkischen Genetik währte nur kurz – als im letzten Drittel des Monats März die Infektionsrate einen exponentiellen Verlauf zu nehmen begann, schlug die Stunde der einschneidenden Maßnahmen – manchmal weniger effektiv als brachial. Das öffentliche Leben wurde in anderen Bereichen als in Deutschland verstärkt begrenzt: Eine komplette Ausgangssperre für Menschen unter 20 und über 65 Jahren wurde Anfang April verhängt. Ab Anfang Mai erging für die Metropolen ein komplettes Ausgangsverbot während der Wochenenden – ein Erlass, der manchen an vergangene Putsche erinnerte, wie überhaupt die Frage der Versammlungs-, Reise- und Ausgangsverbote in der Türkei eine ganz andere politische Dimension als in Deutschland hat. Ab Anfang Juni soll die Reisefreiheit innerhalb der Türkei wiederhergestellt und Restaurants, Geschäfte und so weiter unter Beibehaltung der Hygieneregeln eingeschränkt geöffnet werden.

Auch in Iran wurden eigenwillige Thesen formuliert: Nachdem das Vorhandensein des Virus dann nicht mehr zu leugnen war, bezeichnete Irans oberster religiös-politischer Führer Ali Khamenei es Anfang März als “keine so große Tragödie”. Als sich auch die Tragödie nicht mehr leugnen ließ, griff die Führung zu Verschwörungstheorien und machte ganz ähnlich wie der hier Attackierte ausländische Mächte verantwortlich: Hinter der Corona-Epidemie stecke eine biologische Attacke des Erzfeindes USA und seines Präsidenten Trump, hieß es von Irans oberster Kanzel herab.

Dann erklärte Staatsoberhaupt Khamenei in seiner Predigt zum iranischen Neujahrsfest am 22. März, für den Ausbruch der Pandemie seien neben den üblichen menschlichen Feinden auch Dschinnen, mithin religiöse böse Geister verantwortlich. Diese Äußerung war allerdings selbst für iranische Verhältnisse so bizarr, dass man sie im offiziellen Transkript wegzensierte. Sie ist nur noch in den im Netz kursierenden Videos zu finden, die von vielen Iranern hämisch kommentiert werden, für die der Glaube an Dschinnen absurd ist.

Die Rolle der Religion

In der Türkei stand am Anfang der Corona-Krise der Streit um die Behandlung der von der sogenannten Kleinen Wallfahrt zurückkehrenden Mekka-Pilger. Während von öffentlicher Seite betont wurde, dass alle Pilger sich 14 Tage in staatlicher Quarantäne aufhalten müssten, bevor sie endgültig nach Hause reisen konnten, kritisierte die säkulare Gesellschaft, dass diese Maßnahmen kaum umgesetzt worden seien. Der Staat habe wohl Angst, es sich mit der religiösen Wählerschaft zu verderben.

Die staatlichen Sicherheitsmaßnahmen wurden dann aber durch das Amt für religiöse Angelegenheiten massiv unterstützt. Ohnehin ist das Amt direkt dem Staatspräsidenten untergeordnet. So lautete die Parole also nicht, dass Gott die Rechtgläubigen von der Strafe, der Infektion, verschonen werde, sondern dass es dem Islam entspreche, die Regeln einzuhalten.

Allerdings haben sich nicht alle Muslime dieser rationalistischen Interpretation angeschlossen. Verbotene religiöse Zusammenkünfte zur Infektabwehr fanden durchaus statt. Auch die Interpretation der Krankheiten als eines der Zeichen der herannahenden Apokalypse war zu vernehmen.

Auf Zypern schloss sich die muslimische Religionsbehörde im Norden dem türkischen Kurs an. Viel schwerer tat sich die politisch mächtige Orthodoxe Kirche Zyperns. Bis heute lehnt sie ab anzuerkennen, dass der aus einem gemeinsamen Kelch verteilte Wein der Heiligen Kommunion ein Infektionsrisiko darstellen könnte. Die Gottesdienste wurden nur für sehr kurze Zeit und widerwillig ausgesetzt.

In der Tat spielte in Iran beim Ausbruch der Pandemie die Religion eine große Rolle. Dass die Pandemie gerade in dem Pilger- und Studienort Qom ausbrach und sich von hier aus rasch verbreitete, war vermutlich kein Zufall. Man geht inzwischen davon aus, dass einer der rund 600 hier lernenden chinesischen Religionsstudenten das Virus nach Iran brachte. Und was die Verbreitung anbelangt: Es herrscht überaus großer Andrang am Schrein. Und nach schiitischem Brauch küssen die Pilger den Schrein der hier begrabenen Fatima Masuma, um ihren Bitten Nachdruck zu verleihen.

Als die Forderung aufkam, die beiden wichtigsten in Iran gelegenen Pilgerorte, Qom und Maschhad wegen der immensen Ansteckungsgefahr zu schließen, hieß es zunächst, gerade in diesen schweren Zeiten sei Religion ein Anker für die Menschen.

Schließlich setzte sich aber auch in Bezug auf die religiösen Stätten der Verstand durch. Auf die religiösen Befindlichkeiten der Bürger nahm die Regierung plötzlich nur noch wenig Rücksicht. Dass hier in der Tat Widerstandspotential vorhanden ist, zeigte sich aber, als die Behörden am 16. März ankündigten, sie würden den Schrein des achten Imams der Schia, Reza, in der Stadt Maschhad sowie den seiner Schwester Fatima schließen. Kurz nach der Ankündigung versammelten sich wütende Demonstranten vor den beiden Heiligtümern und versuchten, die Eingangstore zu durchbrechen. Diese Aktionen stießen auf der anderen Seite des religiösen Spektrums sofort auf Kritik. Die Angriffe seien der Inbegriff religiöser Ignoranz, erklärte der moderate Abgeordnete Ahmad Mazani.

Auswirkungen auf religiöse Bräuche: Religiöser Pragmatismus und Ramadan im Lockdown

Für alle Muslime weltweit stellte es eine besondere Härte dar, dass ausgerechnet der Fastenmonat Ramadan mit seinen religiösen und sozialen Riten, die gerade auf die Herstellung von Gemeinschaft abzielen, in die Hochphase des Lockdowns fiel. In der Türkei versuchte die Religionsbehörde den Familien das Fastenbrechen im kleinsten Rahmen etwas schmackhafter zu machen, indem sie darauf verwies, wie gut es den Familien getan habe, gemeinsam so viel Zeit zu verbringen, gemeinsam den Koran zu lesen und „aufmerksamer“ geworden zu sein.

Die iranische Regierung bewies religiösen Pragmatismus, als Ali Khamenei ein Rechtsgutachten erließ, das es den Gläubigen erlaubte, die Fastenregeln des Monats Ramadan auszusetzen. Gläubige werden vom religiösen Fasten entschuldigt, wenn es „eine Krankheit verursachen, verstärken oder verlängern“ kann, erklärte er. Damit entließ er die Gläubigen in einer für die Schia charakteristischen Art des Pragmatismus aus einer religiösen Pflicht – denn diese Formulierung ist – und so war es sicherlich gedacht – sehr weit auslegbar.


Weitere Informationen:

Mit Biologischer Physik gegen Corona

Symbol Coronavirus vor grünblauem Hintergrund
Von Robert Hahn

Wie geht es mit der Corona-Pandemie weiter? In welcher Weise wird sich das SARS-COV-2-Virus entwickeln? Wird es für lange Zeit ein tödlicher Begleiter der Menschen sein? Professor Dr. Michael Lässig prognostiziert für die Weltgesundheitsorganisation die Entwicklung von Influenza-Viren. Jetzt legt er wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit die Grundlagen, um den Weg des Virus zu bestimmen.

Vom Neubau der Theoretischen Physik der Uni würde niemand auf den ersten Blick annehmen, dass hier gegen das Corona-Virus gekämpft wird. Theoretische Physiker arbeiten mit Computern, mit mathematischen Modellen, sie rechnen und beschäftigen sich eher mit Naturkräften als mit Viren, so glaubt man. Trotzdem hat die Arbeit von Michael Lässig schon vielen Menschen das Leben gerettet.
Der Kölner Physiker rechnet jedes Jahr im Frühjahr aus, welche Virenstämme der Grippe im nächsten Winterhalbjahr gefährlich werden könnten. Seine Erkenntnisse fließen in die Auswahl der Impfstoffe ein, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dann empfiehlt. Nun hat sich der Wissenschaftler der Erforschung des neuen SARS-COV-2 Virus‘ zugewandt.

Porträtfoto Professor Lässig
Professor Dr. Michael Lässig

„Wir haben jetzt versucht, sehr schnell anzufangen, um zu schauen, was wir mit unseren Methoden dazu beitragen können“, erklärt Lässig. „Hier ging die Initiative von uns aus. Das ist im Moment bei sehr vielen Forschungsgruppen der Fall, die einfach fragen: Was können wir in diesem Moment beitragen?“ Und das sind die Werkzeuge, die er und seine Kollegen weltweit zur Bekämpfung der Grippe erfunden haben: Rechenprogramme und -modelle, Kenntnisse über die Genetik der Viren, über die Kräfte, die die Entwicklung eines Virus bestimmen. Es gibt internationalen Austausch und Organisation unter dem Dach der WHO. Damit steht der Forschung nun ein Instrumentarium zur Verfügung, um die Entwicklung und Verbreitung des SARS-COV-2-Virus zu untersuchen.

Influenzaviren sind alte Bekannte des Menschen

Lässigs normaler Job ist die Prognose der Grippe. Ein dreiviertel Jahr bevor die ersten Grippewellen über die Welt ziehen sagt er voraus, wie die Viren aussehen werden, die den Menschen gefährlich sein können. Dagegen gibt es Impfstoffe. Nur: Der Impfstoff muss auf die jeweilige Variante des Virus abgestimmt sein. Das ist nicht einfach, denn Viren können mutieren. Das stellt Forscher, WHO und biomedizinische Firmen vor ein großes Problem. Jedes Jahr tauchen neue Influenza-Viren auf, gegen die die bisherigen Impfungen schlechter wirken. Durch eine Kombination genetischer und physikalischer Methoden ist es möglich, die Evolution der Krankheitserreger vorherzusagen und zukünftige, besonders gefährliche Stämme ausfindig zu machen. Damit lassen sich jedes Jahr neue, wirksamere Impfstoffe erstellen.

„Influenzaviren sind alte Bekannte des Menschen, die gut erforscht worden sind“,

stellt Michael Lässig fest.

Man kennt ihr Genom, ihre Mutationen, man weiß, welche Einfallstore sie in die menschliche Zelle benutzen und wie unser Immunsystem sie erkennen kann.

„Bei Influenzaviren haben wir die Situation, dass das Virus schon seit Jahrzehnten in der menschlichen Bevölkerung zirkuliert. Das heißt, wir haben eine Geschichte der viralen Evolution, aus der wir lernen können“,

erklärt Lässig.

Viel Energie ist die letzten Jahrzehnte hindurch dafür investiert worden, die molekulare Struktur des Virus und seine Wechselwirkung mit dem menschlichen Immunsystem zu erforschen.

Ein Großteil der Erwachsenen einer Population sind schon gegen frühere Influenzaviren immun. Gefährlich bleibt die neue Influenza-Epidemie jeden Winter trotzdem, da sich jedes Virus in seinen Angriffsmechanismen von den früheren Viren unterscheidet und daher schlechter vom menschlichen Immunsystem neutralisiert werden kann. Gegen diese Viren wird dann geimpft. Die Voraussagen, die Wissenschaftler treffen können, sind in der Regel recht präzise und erstrecken sich in manchen Jahren über den nächsten Winter und damit die Grippewelle hinweg.

Neues Virus bedeutet komplett andere Dynamik

Doch SARS-COV-2 ist neu und noch nicht in dem Maße erforscht, wie es für Influenza gilt. Zunächst kommt es den Forschern deshalb darauf an, die virale Dynamik, das heißt die Verbreitung der einzelnen Varianten von SARS 2 und die Evolution, die das Virus dabei durchläuft, abzubilden.

„Das ist jetzt ein neues Virus und da ist erst einmal vieles anders in der epidemiologischen und evolutionären Dynamik als bei einem Virus, das seit Jahrzehnten in der menschlichen Bevölkerung zirkuliert“,

so Lässig.

Dafür untersuchen die Forscher die weltweit gesammelten Sequenzen des Virusgenoms und analysieren, wo sich Sequenzen unterscheiden und welche Sequenzen miteinander verwandt sind, das heißt durch zusätzliche Mutationen aus einander hervorgingen. „Diese Dynamik müssen wir erst einmal abbilden, um einen Überblick zu bekommen.“
Dabei greifen die Wissenschaftler auf die Werkzeuge zurück, die sie für Influenza entwickelt haben, wie zum Beispiel Visualisierungsverfahren.

„Da können wir sehen, was sich auf den Kontinenten und in den Ländern abgespielt hat. Wie die Dynamik aufeinandergefolgt ist, was die wichtigen Transmissionen waren, bei denen man sehen kann: Aha, diese Sequenzen sind wahrscheinlich aus jenen anderen Sequenzen auf einem anderen Kontinent hervorgegangen.“

 

genetischer Verwandtschaftsbaum des SARS-CoV-2 Virus
Ein genetischer Verwandtschaftsbaum des SARS-CoV-2 Virus, rekonstruiert aus Tausenden viraler Sequenzen aus der ganzen Welt. Ausgehend aus China (dunkelblau) hat sich das Virus im Laufe der letzten Monate auf andere Kontinente (dargestellt durch andere Farben) ausgebreitet.

Verstehen, welche selektiven Kräfte den Virus evolvieren lassen

In einem zweiten Schritt kommt es darauf an zu verstehen, welches die evolutionären Kräfte sind, die diese Dynamik des Virus beeinflussen. „Darüber wissen wir noch sehr wenig“, muss der Physiker eingestehen, denn die teilweise Gruppenimmunität spielt bei Corona noch keine Rolle. Das heißt, noch ist nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen gegen das Virus immun, weshalb sich Ausbreitung und Evolution ganz anders gestalten als bei Influenza.

„Die Dynamik des SARS-COV2-Virus ist vielleicht eine ganz andere und vielleicht kommt es für das Virus auf ganz andere Sachen an, um im Laufe dieser Pandemie zu evolvieren, als für z.B. Influenza. Das wollen wir im Laufe der Zeit herausfinden, und es gibt viele experimentelle Kollegen, die dazu jetzt wichtige Experimente machen. Und wir wollen versuchen, diese Ergebnisse in unsere Computational Pipeline einzuarbeiten, um zu schauen, ob wir da etwas Sinnvolles beitragen können.“

Wie sehr wird das Virus evolvieren?

Bei SARS-COV-2 kennt man die Stellen des Genoms, die für die zukünftige Evolution wichtig sein könnten, noch nicht. „Das ist die Herausforderung, die Informationen über die molekular wichtigen Stellen des Virus möglichst schnell zu bekommen.“ Ein großes Projekt, die Deutsche COVID-19 OMICS Initiative(DeCOI), soll Abhilfe schaffen, indem viele tausende von Einzelproben sequenziert werden. „Das ist wichtig, um das Virus genau kennenzulernen“, sagt der Physiker, der das Virus bekämpft. „Auch die Kölner Kollegen in der Medizin und im Zentrum für Genomik sind dabei.“
Die Evolution des Coronavirus steht erst am Anfang. Die intensiven Bemühungen, Impfstoffe herzustellen, konzentrieren sich daher auf den derzeit vorherrschenden Typ des Virus. Das muss allerdings nicht so bleiben, sagt Michael Lässig:

„Das ist eine ganz große Frage, die wir jetzt noch nicht beantworten können: Wird dieses Virus evolvieren, so wie wir das von Influenza kennen? So dass es sich dann ständig erneuert? Oder wird es so wenig evolvieren, dass wir hoffen können, es mit einem einzigen Impfstoff besiegen zu können?“

Von Homeschooling bis Notfallbetreuung: Soziale Hilfen sind systemrelevant

Frau mit Kindern im Home Office
Von Eva Schissler

Durch die Kontaktsperren wachsen in vielen Familien die Spannungen. Besonders hart trifft es Kinder und Jugendliche aus unterprivilegierten Familien. Sie drohen, in der Corona-Krise noch mehr den Anschluss zu ihren Mitschülern zu verlieren. Stoßen die digitalen Bildungsangebote hier an ihre Grenzen? Wie schaffen es Schulen und Soziale Dienste, Kinder und Jugendliche trotzdem zu erreichen? Nadia Kutscher, Professorin für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit, warnt vor einer Überlastung der Hilfesysteme.

 

Schulen und Kindertagesstätten bleiben vorerst geschlossen

Computer, Notebook, Tablet, WLAN-Anschluss – das sind die Voraussetzungen für den Schulersatz in Zeiten von Corona. Schulen öffnen ab Mai wieder schrittweise, Kindertagesstätten bleiben vorerst zu. Viele Familien sind bei allem Verständnis für die Notwendigkeit der Maßnahmen enttäuscht. Denn für die meisten sind „Homeschooling“ und Ganztagsbetreuung eine Herausforderung. Und wer Geldsorgen hat und auf engem Raum wohnt, ist ungleich stärker belastet. Außerdem sind nicht in allen Familien die Voraussetzungen für erfolgreiches digitale Lernen gegeben.

Neben einem Mangel an Raum und technischer Ausrüstung haben viele Eltern eingeschränkte Bildungserfahrung und bräuchten selbst Anleitung, wie sie ihre Kinder unterstützen können. „Viele Kinder und Jugendliche, die eh schon benachteiligt sind, drohen nun noch mehr Teilhabechancen einzubüßen“, warnt Nadia Kutscher. „Und je länger der Lockdown noch anhält, desto größer werden die Nachteile.“

Fehlender Anschluss in Notunterkünften

Auch für junge Geflüchtete hat die Schulschließung weitreichende Konsequenzen. Nadia Kutscher leitet seit Februar 2019 das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt Bildungsteilhabe Geflüchteter in digitalisierten Bildungsarrangements. Gemeinsam mit einem Team an der Universität zu Köln und an der Leuphana Universität Lüneburg erforscht sie, welche Bildungschancen digitale Zugänge besonders dieser Gruppe eröffnen können. „Dass wir die Auswirkungen der Schulschließung nun untersuchen können, ist natürlich ein völlig unerwarteter Nebeneffekt“, sagt Kutscher. Ihr Zwischenfazit: Besonders für Geflüchtete können die digitalen Angebote die Schule eben nicht kompensieren, denn dort haben sie Zugang zu Computern.

„Junge Geflüchtete sind oft besonders benachteiligt, denn in den Notunterkünften oder Wohngruppen haben die meisten nur das Handy, auf dem man nicht vernünftig seine Aufgaben erledigen kann“, argumentiert Kutscher. Manche Schulen behelfen sich damit, Pakete mit Arbeitsblättern in die Unterkünfte zu schicken. Die Kinder und Jugendlichen bearbeiten sie, fotografieren sie ab und schicken sie zurück an die Lehrkräfte. „Das ist natürlich nur eine Notlösung und langfristig völlig unzulänglich“, meint Kutscher.

Überlastete Notbetreuung

Schon früh nach der Schließung der Schulen und Kindertagesstätten äußerten Schulen und Sozialverbände ihre Sorge um einen möglichen Anstieg von Kindeswohlgefährdung in Familien. Seit Anfang April dürfen in NRW, nach Entscheidung des Jugendamtes, als gefährdet eingestufte Kinder ebenfalls an der Notbetreuung der Schulen und Kindertagesstätten teilnehmen, die bislang nur Kindern von Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen zustand. Das entzerrt zwar in manchen Familien die Lage, doch die Entscheidung ist ambivalent zu bewerten, meint Kutscher: „Das hat auch Stigmatisierungspotenzial nach dem Prinzip: ‚Wer jetzt neu in die Notfallbetreuung gekommen ist, bei dem muss in der Familie etwas nicht stimmen.‘“

Nadia Kutscher
Nadia Kutscher, Professorin für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit

Durch wachsende Gruppengrößen in der Notbetreuung stehen Lehrer und Lehrerinnen, Erzieherinnen und Erzieher zudem vor der Herausforderung, die Einhaltung von Sicherheitsabstand und entsprechenden Hygieneregeln zu gewährleisten. „Gruppengrößen von 18 Kindern und mehr sind in manchen Einrichtungen schon keine Seltenheit mehr. Das gefährdet alle und führt zu noch größerem Druck, da im Kollegium zunehmend Krankheitsausfälle und Quarantäne zu einem Problem werden“, sagt Nadia Kutscher. Der schon vorher bestehende Fachkräftemangel kommt noch hinzu.

Es gibt auch noch das Telefon

Neben Schulen und Kindertagesstätten steht das soziale Hilfesystem ebenfalls vor Herausforderungen. In Zeiten von Corona den Kontakt zu den Zielgruppen zu halten, ist eine Gratwanderung. Für eine schnelle digitale Umstellung sind die Voraussetzungen in vielen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht gegeben. Einerseits ist kein Etat für die unter diesen Umständen erforderliche Hardware oder Software eingeplant. Andererseits sind diese Einrichtungen zum Datenschutz verpflichtet, der in den meisten digitalen Kontaktmöglichkeiten nur unzureichend gegeben ist.

Oft müssten auch Lizenzen erworben werden – für die wiederum keine Mittel vorhanden sind. „Das Digitale kann viele Dinge nicht kompensieren“, meint Kutscher. „Aber zwischen der persönlichen Begegnung und der Digitalisierung gibt es ja auch noch andere Mittel: zum Beispiel das Telefon.“ Dass telefonischen Beratungs- und Kontaktangebote schnell ausgebaut werden, hält Nadia Kutscher deshalb für essentiell, da diese gerade für benachteiligte Zielgruppen gut erreichbar sind.

Wie können Soziale Träger überhaupt an fachlich gesicherte Informationen und Standards in der Nutzung digitaler Angebote gelangen? „Hier bietet zum Beispiel die Website des Vereins Digitalcourage einen Überblick über datensichere Tools“, sagt Kutscher. Doch die Fachkräfte bräuchten selbst oft erst eine Einarbeitung in diese Tools. Darüber hinaus müssen sie überprüfen, wie ihre Zielgruppen überhaupt technisch ausgestattet sind, und ihr Angebot daran anpassen. Nicht alle haben zum Beispiel eine Internetflatrate. Kutscher: „Man muss als Trägereinrichtung gut überprüfen, was sinnvoll und praktikabel ist, denn die Zielgruppen sind zum großen Teil nicht ressourcenprivilegiert.“

Hilfe für die Helfer

Im Moment gilt es, viele dringliche Fragen zu lösen – auch über die digitale Umstellung hinaus: Wie kann man den Gesundheitsschutz der Fachkräfte und Klienten in den Einrichtungen und bei Familienbesuchen gewährleisten? Nicht zuletzt müssen laut der Professorin für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit auch die Trägerstrukturen abgesichert werden. Denn sie stehen selbst unter wirtschaftlichem Druck und könnten in finanzielle Notlagen geraten.

„Neben den bereits entwickelten neuen Förderprogrammen brauchen wir ganz dringend auch ein Notprogramm für die Sozialen Träger“, warnt Kutscher. Die fordert auch das Bundesjugendkuratorium, dem Kutscher als Mitglied angehört. Sie resümiert: „Dass die Kinder- und Jugendhilfe höchst systemrelevant ist, dürfte in der Corona-Krise wohl allen klar geworden sein.“

(Stand: April 2020)

Isoliert, aber immerhin nicht allein

Ein Gespräch über die besondere Verbundenheit in digitalen Netzen

Smartphone mit Social Media Symbolen

Ob freiwillige Selbstisolation oder eine echte Quarantäne – selten haben wir so viel Zeit in unseren eigenen vier Wänden verbracht wie unter Corona. Während sich viele Menschen fragen, wie sie parallel zur Aufmerksamkeit für die Kinder auch noch die Arbeitsmails abarbeiten sollen, sind Alleinstehende wirklich in der Totalisolation. Zumindest körperlich. Denn emotional teilen wir mehr oder weniger großzügig unsere Lebens- und Gedankenwelt über Applikationen auf dem Smartphone mit Freunden, Familie und Followern.

Spendet uns dieser permanente Austausch, der Blick auf “die anderen” etwas Trost in tristen Zeiten oder sollten wir das Endgerät auch mal getrost beiseitelegen und lernen, die Stille zu genießen?

Über diese Themen haben wir mit dem Sozialpsychologen Dr. Jan Crusius vom Social Cognition Center Cologne der Universität zu Köln gesprochen. Er forscht über soziale Vergleiche, Neid und andere Emotionen. Wenn er nicht gerade etwas über Haifische lernt.

Interview mit Jan Crusius

Jan Crusius


Herr Dr. Crusius, in Zeiten von Corona sitzen wir alle im selben Boot, denn wir müssen uns alle an dieselben Einschränkungen halten. Hat sich das Phänomen „Fear Of Missing Out“ (FOMO) – also die krankhaft neidische Angst, etwas zu verpassen – damit eigentlich erledigt?

Dr. Jan Crusius: Da bin ich skeptisch. Viel Forschung spricht dafür, dass das Vergleichen mit anderen einfach ein fundamentaler Bestandteil des menschlichen Denkens ist. Das ist vermutlich auch sehr nützlich: Gerade in so unsicheren Zeiten wie jetzt bieten uns andere Menschen wertvolle Orientierung und Bewertungsmaßstäbe. Geändert hat sich sicher, worüber wir uns mit anderen vergleichen.

Plötzlich sind andere Dinge wichtig: Die Timelines sind voll mit Sauerteig-Erfolgen, Screenshots aus Team-Meetings und virtuellen Spiele-Abenden. Das hat viel Gutes, aber vermutlich manchmal auch Nebenwirkungen, für diejenigen, die nicht dabei sind.

Mein persönliches FOMO-Erlebnis: Manche meiner Kolleg*innen scheinen gerade unglaublich produktiv zu sein. Sie engagieren sich mit großem Eifer in kreativen Forschungsprojekten, in denen es um die Psychologie rund um Corona geht. Da gibt es spannende Fragen und viel zu tun! Es macht ausschließlich Freude, da zuzusehen. Wirklich. Ich gönne Euch das.

Mittlerweile wird der Begriff „Social Distancing“ kritisiert, weil man paradoxerweise beobachten kann, dass die räumliche Distanz uns in eine neue soziale Nähe zusammenführt. Können Sie erklären, was da gerade mit uns geschieht.

Auch ich finde den Begriff nicht ideal. Alternative Vorschläge wie „physical distancing“ oder „distant socializing“ haben für mich einen besseren Klang. Anderseits ist das menschliche Bedürfnis nach Nähe und sozialer Verbindung so stark, dass der Begriff selbst vermutlich kaum etwas ändert.

Zum Glück haben wir die technischen Mittel, die soziale Nähe auch unter diesen widrigen Umständen möglich machen. Die Kehrseite dieser These: Auch ein besserer Begriff wird wenig gegen die Gefahren von sozialer Isolation ausrichten, die sich aus den Umständen ergeben. Einsamkeit ist ein starker Risikofaktor für die seelische und körperliche Gesundheit, das ist sehr gut belegt. Hier sind wir alle gefragt, den Kontakt zu Menschen aus unserem Umfeld zu suchen, die vielleicht besonders gefährdet sind, sich einsam zu fühlen.

Soziale Netzwerke und Messenger-Dienste sind hierfür ja ein ideales Mittel. Trotz Isolation erfahre ich, was andere gerade so treiben. Ist es beschämend, wenn ich in meiner Single-Stadtwohnung doch ziemlich neidisch auf befreundete Familien auf dem Land gucke, die die Quarantäne scheinbar erfüllter gemeinsam im eigenen Garten verbringen?

Ja, das stimmt wohl, soziale Medien können auch ein Nährboden für schmerzhafte Vergleiche sein. Zumal einiges dafür spricht, dass die Realität dort noch mal gefiltert wird. Wir posten eben vor allem tolle Dinge in unserem Leben, nicht unbedingt die Misserfolge.

Ihr Beispiel spricht mir übrigens aus der Seele: Bei unserer Wohnung wird gerade die Fassade renoviert und sogar der kleine Balkon wird noch monatelang gesperrt sein. Für sehnsüchtiges Verlangen nach dem Glück anderer reicht mir der Blick auf die Terrasse der Nachbarn gegenüber. Diesen Vergleich grundsätzlich abstellen zu wollen, scheint mir ein aussichtsloses Unterfangen. Vielleicht beruhigt es manche Ihrer ebenfalls geplagten Leser*innen (so wie mich), dass diese unerfüllte Sehnsucht ein sehr alltägliches Gefühl zu sein scheint – auch wenn wir es nicht so gern zugeben.

Apropos Erfolge: Wenn alle auf Social Media ihre Entrümpelungs-, DIY- und Trainingserfolge aus der Quarantäne teilen, kann das auch ganz schön Druck und emotionalen Stress erzeugen. Wie schafft man es – ob in der Coronakrise oder auch danach – bei diesem permanenten „Vergleichsangebot“, das Social Media präsentiert, sich auf sich selbst zu besinnen?

Die Forschung spricht dafür, dass soziale Medien vor allem dann schädlich sein können, wenn man sie passiv konsumiert. Die positiven Wirkung sozialer Medien kann sich dann entfalten, wenn man sie aktiv nutzt, um soziale Beziehungen zu leben. Darüberhinaus gibt es viele wirksame Strategien, um mit belastenden Vergleichen umzugehen. Zum Beispiel gibt es Forschung, die zeigt, dass es schon sehr hilft, den Blick auf Andere gedanklich zu erweitern.

Ein einzelner Erfolg wirkt schon weniger eindrucksvoll, wenn ich an die Aufs und Abs denke, die die andere Person sonst so in ihrem Leben hat. Es hilft auch, sich auf eigene Stärken zu besinnen. Wem das nicht hilft: Es gibt Studien, die nahelegen, dass Abstinenz von sozialen Medien eine gute Maßnahme sein kann – vielleicht sind andere Formen der Kontaktaufnahme in diesen Zeiten dann besser.

Vergleiche haben doch bestimmt auch etwas Gutes, oder?

In meiner eigenen Forschung beschäftige ich mich mit der Motivation, die aus Vergleichen erwachsen kann. Man kennt das zum Beispiel aus dem Sport: Der schmerzhafte Vergleich mit anderen kann auch ziemlich anspornen. Das ist besonders dann so, wenn man sich auf Dinge konzentriert, die man selbst ändern kann. Manchmal fühlt es sich auch sehr gut an, wenn andere Menschen herausragend sind. Und zwar dann, wenn wir andere bewundern. Es spricht viel dafür, dass dieses positive Gefühl sehr inspirierend und auch sehr motivierend sein kann. Zum Glück können wir auch steuern, wie und mit wem wir uns vergleichen. Und Gelegenheit zur Bewunderung haben wir momentan auch viel.

Und wie vertreiben Sie sich die #StayHome-Challenge ohne Balkon?

Mir geht es als Familienvater so wie den meisten anderen Eltern: Ich habe mehr zu tun und zugleich weniger Zeit. Der Umstieg auf andere Arbeitsformen klappt ganz gut. Für meine Forschung habe ich auch vorher schon vor allem Online-Studien durchgeführt, auch Abschlussarbeiten von Studierenden kann ich gut über Videokonferenzen betreuen. Auf meine Seminare bin ich sehr gespannt, bin aber ganz zuversichtlich, dass sie in Online-Formaten funktionieren können. Viel zu tun habe ich gerade auch, weil ich als Herausgeber beim In-Mind Magazin, einem Projekt der Wissenschaftskommunikation in der Psychologie tätig bin.

Für mich ist schön zu sehen, dass es nicht nur ein großes Interesse an Psychologie rund um Corona gibt, sondern dass meine Kolleg*innen auch sehr motiviert sind ihr Wissen zu teilen. Da sind schon sehr viele Beiträge entstanden und in Vorbereitung. Nebenbei motiviere ich meine Söhne zu lernen – Aber auch ich lerne darüber viel dazu! Wussten Sie, was Haie für faszinierende Tiere sind? Wir feilen gerade an einem Lernplakat…

Das Gespräch führte Frieda Berg.

Hamsterkäufe – ein Versuch der Rebellion gegen die eigene Hilflosigkeit?

Hamster und Toilettenpapier

Von Sarah Brender

Die aktuelle Coronavirus-Krise bestimmt derzeit unseren Alltag. Dazu gehören durch Hamsterkäufe leergekaufte Regale. Ein Forschungsteam aus dem Bereich Marketing der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln hat mithilfe einer Umfrage herausgefunden, dass Käuferinnen und Käufer derzeit besonders oft Ängste als Gründe für vermehrtes Kaufverhalten angeben.

 

Die Brisanz des Themas “Hamsterkäufe” wird mit Blick auf aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) deutlich: Laut diesem stiegen die Verkaufszahlen für ausgewählte Produkte in der Woche vom 16. bis 22. März 2020, wie schon in den drei Wochen zuvor, auf ein extrem hohes Niveau. Beispielsweise war die Nachfrage nach Seife mehr als vier Mal so hoch wie in den sechs Monaten zuvor (+337 Prozent), während die Nachfrage nach Toilettenpapier mehr als drei Mal so hoch lag (+211 Prozent).

Die Marketingwissenschaftler Professor Dr. André Marchand, Juniorprofessor Dr. Martin Fritze und die Doktorandin Friederike Gobrecht von der Universität Köln gehen diesem Phänomen und seinen Ursachen mithilfe einer Umfrage nach.

Was sind die Gründe für Hamsterkäufe?

André Marchand erläutert:

„Es gibt zahlreiche theoretisch plausible Gründe für das derzeit stattfindende Hamsterkaufverhalten. In unserer Studie wollten wir herausfinden, was die Konsumentinnen und Konsumenten selbst über ihr mögliches eigenes Hamsterkaufverhalten und das anderer Menschen denken.“

Für die Umfrage befragte das Team 250 zufällig ausgewählte Personen in Deutschland am 23. März 2020 anonym und online. Das Alter der Befragten lag dabei bei 18 bis 71 Jahren (Mittelwert: 37), 44 Prozent weiblich, 56 Prozent männlich. Knapp 40 Prozent der Befragten wohnte zur Zeit der Umfrage in einer Großstadt, ähnlich viele in einer Kleinstadt und der Rest auf dem Land.

Nur 21 Prozent der Teilnehmer gaben an, selbst mehr Toilettenpapier als üblich gekauft zu haben. Professor Marchand erklärt dazu:

„Da das sogenannte Hamsterkaufen gesellschaftlich nicht erwünscht ist und als unsolidarisch wahrgenommen wird, könnte an dieser Stelle die Scham eine ehrliche Antwort verhindert haben. Mit für die Teilnehmer nicht eindeutigen Fragen zu anderem, sozial erwünschtem Verhalten, konnten wir solche Verzerrungen jedoch weitestgehend herausfiltern.“

André Marchand, Professor für Marketing & Digital Environment

Der am häufigsten genannte Grund bei etwas mehr als 50 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die selbst mehr als sonst gekauft hatten, war Sorge um die Verfügbarkeit. Die Forscher und Forscherin erklären diese Sorge durch die vielen Fotos leerer Regale und Hamsterkäufer und -käuferinnen in sozialen Netzwerken und sonstigen Medien.

Social Media als Verstärker der Ängste?

„Wenn die Menschen im Supermarkt nach den einprägsamen Bildern auf Social Media dann selbst vor leeren Regalen stehen, ist das aufgrund der Fläche, die Toilettenpapier einnimmt, besonders auffallend. So lassen sich mehr Menschen von den Hamsterkäufen anderer quasi anstecken, da sie den Eindruck bekommen, besser jetzt auch möglichst mehr zu kaufen, bevor die Produkte wieder vergriffen sind“,

sagt Professor Marchand.

Die Hälfte der Konsumentinnen und Konsumenten, die selbst hamstern, führen als Gründe die Angst an, dass Supermärkte geschlossen werden könnten, oder die generelle Machtlosigkeit in der derzeitigen Situation. Von den übrigen Befragten, die selbst angeben nicht zu hamstern, glauben sogar 82 Prozent daran, dass dies ein Grund für das Hamstern bei anderen Menschen ist.
Weitere, von „Hamsternden“ genannte Gründe, sind die lange Haltbarkeit von Toilettenpapier, zusätzliche Käufe für Verwandte und Freunde sowie das Bedürfnis nach mehr Sicherheit und Kontrolle durch Hamsterkäufe.

„Interessanterweise fanden wir keine Unterschiede beim Alter, jedoch bei der individuellen Mortalitätssalienz, also der individuellen Einschätzung und Sorge, dass man bald sterben könnte. Dies kann, muss aber nicht, vom Alter oder von Vorerkrankungen abhängig sein“,

sagt Juniorprofessor Martin Fritze.

Portrt Martin Fritze
Martin Fritze, Juniorprofessor des Instituts für Messewirtschaft und Marketing an der Universität zu Köln

Diejenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie, die angaben, selbst nicht mehr als sonst zu kaufen, vermuteten, dass es hauptsächlich am Herdentrieb liege, also sachlich unbegründet sei.

Mehr als die Hälfte der befragten Hamsterkäuferinnen und -käufer gaben auch an, andere Produkte wie Nudeln, Konserven und Hygieneartikel mehr als üblich gekauft zu haben. Bei den Ausgaben für digitale Dienstleistungen konnte das Team allerdings keine signifikanten Unterschiede im Kaufverhalten feststellen.

Professor Marchand zieht ein Zwischenfazit zur bisherigen Untersuchung, die noch ausgebaut werden soll:

„Unsere Studie hat bereits spannende Einblicke über die Beweggründe der Hamsterkäufer in Deutschland gegeben. Derzeit ist geplant, die Befragung auf andere Länder auszudehnen, um mehr über kulturelle und regionale Unterschiede zu lernen und nach der Coronakrise zu wiederholen.“

Eine Veröffentlichung der gesammelten Studienergebnisse soll danach folgen.

Neugierig geworden?

In einer weiteren Studie untersucht das Forschungsteam aktuell auch die Auswirkungen von Ausgangssperren auf den Konsum. Mehr Informationen zur Forschung im Bereich Marketing gibt es hier: https://marketing.uni-koeln.de/

Dürfen in der Corona-Krise auch bei uns die Krankenhäuser entscheiden, vorrangig junge Menschen zu behandeln?

Ein rechtlicher Beitrag von Professorin Frauke Rostalski

Professorin Rostalski

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) hat anlässlich der Corona-Krise kürzlich Empfehlungen für Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin veröffentlicht. Auf Wunsch von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat zudem der Deutsche Ethikrat eine Stellungnahme abgegeben zur „Bewältigung dilemmatischer Entscheidungssituationen“.

Es geht ganz konkret um Behandlungsmöglichkeiten auf der Intensivstation, die für Corona-Patienten überlebenswichtig sein können. Wir brauchen dringend Regeln, denn gegenwärtig werden die maßgeblichen Akteure mit einer großen Zahl an weitreichenden und schwer zu treffenden Entscheidungen alleingelassen. Dabei ist unserer Rechtsordnung der Umgang mit Ressourcenknappheit generell nicht unbekannt. Zum Beispiel gibt es Richtlinien für die Verteilung lebensnotwendiger Organe. Aus den Vorschlägen der Divi geht hervor, dass der Behandlungserfolg maßgebliches Kriterium sein soll, wenn eine Priorisierungsentscheidung getroffen werden muss.

”Dem Staat ist es untersagt, das Leben seiner Bürger nach Wert oder Dauer zu unterscheiden”

Zusätzlichfindet sich folgender Passus: „Eine Priorisierung ist aufgrund des Gleichheitsgrundsatzes (…) nicht zulässig allein aufgrund des kalendarischen Alters oder aufgrund sozialer Kriterien.“ Viel geholfen ist damit noch nicht. Die genannten Merkmale – Behandlungserfolg, Alter, soziale Kriterien – legen das Grundproblem offen: Sind lebenswichtige Ressourcen knapp, müssen Vorrangentscheidungen zugunsten des Lebens Einzelner getroffen werden. Das hat im schlimmsten Fall unmittelbar tödliche Konsequenzen für den nachrangig Behandelten. Diese Dramatik macht klare Regeln so schwierig – und doch müssen wir gerade hier tätig werden. Es genügt nicht, soziale Kriterien und das Alter pauschal als zweitrangig abzutun und in diesem Bereich nicht weiter ins Detail zu gehen. Zum einen wird dies dem Umstand nicht gerecht, dass bereits das für die Divi – zu Recht – maßgebliche Kriterium des Behandlungserfolgs entscheidend von diesen Faktoren abhängt: Wie alt jemand ist, hat in aller Regel einen erheblichen Einfluss darauf,welche Erfolgschancen eine Therapie für ihn birgt. Und auch soziale Faktoren spielen eine große Rolle. So ist etwa die Ernährung ein Hauptfaktor für die gesundheitliche Konstitution einer Person. Wie gut oder schlecht sich jemand ernährt, hängt oft von seinem sozialen Status ab. Wir müssen daher Farbe bekennen dazu, dass wir angesichts der Knappheit von lebensnotwendigen Ressourcen Vorrangentscheidungen zugunsten des Lebens bestimmter Personen treffen. Und vor allem: Farbe dazu, welche Personen das sein sollen.

Ein Beispiel: Patient A (35) und Patient B (60) weisen aus medizinischer Sicht identische Chancen auf einen Behandlungserfolg auf. Soll nunmehr das Alter eine Rolle spielen und Patient A bevorzugtwerden, weil er potentiell noch ein längeres Leben vor sich hat? Kann dies allgemein entschieden werden, oder sollte nicht auch berücksichtigt werden, dass der Gesellschaft eine altersmäßige Durchmischung gut tut? Oder dass ein älterer Mensch womöglich für Angehörige aufkommt, was bei dem kinderlosen Jüngeren nicht der Fall ist. Welche Rolle spielt es, wenn Patient A ein arbeitsloser Hartz IV-Empfänger ist, während Patient B als führender Virologe kurz davor steht, ein Medikament gegen Covid-19 zu entwickeln?

Generell erscheint es mir als Orientierung richtig, dass Krankenhäuser in Zeiten der Ressourcenknappheit diejenigen Patienten vorrangig behandeln, deren Chancen auf einen Behandlungserfolg am größten sind. Wenn Sie aber den Fall zugrunde legen, dass die Erfolgschancen bei zwei Patienten identisch sind, sehe ich mich zu einer Antwort auf Ihre Frage pauschal nicht imstande. Zumindest steht eines fest: Wie auch der Deutsche Ethikrat feststellt, kann und darf das Recht hier keine Handlungsanweisungen formulieren. Dem Staat ist es untersagt, das Leben seiner Bürger nach Wert oder Dauer zu unterscheiden. Aufgerufen sind aber etwa medizinische Fachgesellschaften, zeitnah konkretere Empfehlungen als die vorhandenen abzugeben. Bei ihrer Erarbeitung sollten wir alle durch den dafür notwendigen gesellschaftlichen Diskurs mithelfen.

Über die Autorin:
Professorin Dr. Dr. Frauke Rostalski ist Direktorin des Instituts für Strafrecht und Strafprozessrecht der Universität zu Köln. Sie wurde von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zum 30. April 2020 in den Deutschen Ethikrat berufen.

Dieser Beitrag ist zuerst im Kölner Stadtanzeiger erschienen.

Stresstest für die Lieferketten

Schwarzer Schwan unter weißen Schwänen

Wie kommen Atemschutzmasken oder Webcams von der Fabrik zum Kunden? In einer globalisierten Wirtschaft erstrecken sich auch Lieferketten über die ganze Welt. Was passiert, wenn eine globale Gesundheitskrise droht, diese Lieferketten zu unterbrechen? Fabian J. Sting ist Professor für Supply Chain Management an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Er sieht in der Corona-Krise eine Chance für Unternehmen, ihre Lieferketten zu verbessern.

Interview mit Fabian J. Sting

Fabian Sting

Herr Professor Sting, wie gut sind Unternehmen auf Krisen wie die Corona-Pandemie vorbereitet?

Fabin J. Sting: Das ist schwer zu sagen, denn die jetzige Krise ist ein „Black Swan“ – etwas, was wir in diesem Ausmaß noch nie zuvor gesehen haben. Meistens verschiebt sich in einer Krise entweder auf der Seite des Angebots, oder aber auf der Seite der Nachfrage etwas. Im Moment spielen aber beide Seiten verrückt.

Was gilt es ganz grundsätzlich bei dem Aufbau einer Lieferkette zu beachten?

Im Supply Chain Management erforschen wir, wie man Prozesse gestalten kann, sodass Produkte in der richtigen Qualität und zum richtigen Zeitpunkt zu den Kunden kommen. Es geht ganz einfach darum, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen.

Das ist der Grundgedanke des „Just in time“-Konzepts, das vorrangig von japanischen Automobilherstellern geprägt wurde. Die Japaner verwenden dazu das Konzept des „Muda“ – alles, was keinen Wert schafft, ist Verschwendung und sollte eliminiert werden. Auch Lagerbestände können Verschwendung sein. Durch geringere Lagerbestände diszipliniert man sich zu einer schlanken Lieferkette. Dadurch kann man sich natürlich keinen Schlendrian und wenige Abweichungen erlauben. Die Lieferkette muss dann funktionieren wie ein Uhrwerk.

Warum sind Lagerbestände ein Problem?

Stellen Sie sich vor, Sie hätten große Lager an iPhones, die sie dann verkaufen wollen. Da besteht das Risiko, dass irgendwann niemand mehr diese iPhone-Generation haben will und Sie am Bedarf vorbei produziert haben. Dann bleibt man auf seinen Beständen sitzen.

Gleichzeitig zeigt sich genau darin in der jetzigen Krise eine Problematik. Ist die Lieferkette so verschlankt worden, dass gänzlich alle Material- und Kapazitätspuffer eliminiert worden sind, kann der „Just in time-Gedanke“ zu einem Eigentor werden. Wichtig ist hier, dass Unternehmen noch einen Plan B haben und flexibel genug sind diesen umzusetzen. Beispielsweise, dass sie Komponenten, Materialien oder Lieferwege kurzfristig anpassen können um bestmöglich auf die Situation zu reagieren.

Ist das reibungslose Funktionieren von globalen Lieferketten auch unter normalen Umständen störanfällig?

Wir unterscheiden da verschiedene Grade von Risiken. Es gibt auch im Normalfall Variationen, zum Beispiel Qualitätsschwankungen. Es kann sein, dass ein Lieferant Qualitätsprobleme hat. Da kann man dann operativ durch Qualitätsmanagement einwirken. Oder ein Lieferant hat vorrübergehend Kapazitätsengpässe. Das sind kleinere Beschaffungsrisiken, die es immer gibt. Auf der Nachfrageseite gibt es das genauso: Trotz immer weiter verbesserter Prognosemethoden weiß man nie genau, was bei den Kunden gut läuft.

Das Modelabel Zara ist ein gutes Beispiel dafür. Welche Farbe in einer Saison nachgefragt wird, ist vorab nie so ganz klar. Es kann sein, dass ein türkises T-Shirt gar nicht gut ankommt, das gleiche T-Shirt sich aber in der Farbe Flieder gut verkauft. Dafür baut man in die Lieferkette ein bisschen Flexibilität und Puffer ein. Zara macht das so, dass sie kleinere Produktionsstätten haben. Sie lassen eben nicht vor der Saison alles in China produzieren. Diese Stätten liegen teilweise in Europa und können bedarfsgerecht das nachproduzieren, was gerade gefragt wird.

Das hört sich doch auf für die aktuelle Situation nach einem guten Ansatz an.

Ja, das würde bei vielen Produkten auch helfen. Aber wir haben es im Moment mit einem noch viel größeren Risiko zu tun. Aber gehen wir zunächst mal eine Stufe weiter. Ein heftiger Störfall war zum Beispiel das Erdbeben und der Tsunami in Japan 2011. Natürlich hat dieses Ereignis auf vielen Ebenen Leid und Erschütterungen ausgelöst. Auf der Ebene der Lieferketten kam es zu dem Problem, dass eine Reihe von Lieferanten ausgefallen sind. Da zeigte sich, dass nicht nur Flexibilität und Schlankheit wichtig sind, sondern auch Redundanz. Man braucht also immer mindestens einen zusätzlichen Lieferanten, der unabhängig ist von demjenigen, der gerade ausgefallen ist. Man braucht weitere Spieler in der Lieferkette, die zur Not einspringen können, und zusätzliche Kapazitäten an anderen Orten auf der Welt.

Was für Erschütterungen in den Lieferketten hat die Corona-Krise bislang ausgelöst?

Im Moment sehen wir noch mal eine Steigerung. Wir nennen das eine fundamentale Disruption. Sie wirkt sich einerseits auf die Beschaffungsseite aus – also auf die Produktion. Zum Teil können Lieferanten nicht mehr produzieren, weil sie selbst Probleme haben, ihre Teile von den Zulieferern zu kriegen. Gleichzeitig sehen wir auch auf der Nachfrageseite wahnsinnige Probleme. Es gibt Nachfrageverschiebungen, irrationales Kundenverhalten, Rationierungen und Hamsterkäufe. Die normalen Muster von Angebot und Nachfrage stehen im Moment Kopf.

Was können Unternehmen tun, um diese Situation in den Griff zu bekommen?

Kommen wir noch mal zur Grundaufgabe zurück: Angebot und Nachfrage müssen irgendwie zusammengebracht werden. Weil beide Seiten im Moment verrückt spielen, ist das sehr schwierig. Jetzt braucht man die größtmögliche Flexibilität. Diejenigen, die Flexibilität schon eingebaut haben – die auf andere Teile zurückgreifen können, auf andere Produktionsmethoden, auf andere Technologien, um etwas zu produzieren – haben einen Vorteil.

Vor kurzem haben beispielsweise einige Unternehmen angefangen, Mundschutz im Drei-D-Druckverfahren zu produzieren. Das wäre jetzt die Möglichkeit, eine komplett neue Lieferkette aufzubauen. Was natürlich sinnvoll wäre, denn die bestehenden Lieferketten sind völlig überlastet.

Wäre das auch eine Option für Medikamente oder komplexere medizinische Apparate wie Beatmungsgeräte?

An der Stelle würde das womöglich weniger gut funktionieren. Bei komplexeren Produktionsprozessen ist die Flexibilität notgedrungen eingeschränkt. Hier braucht man größere Vorlaufzeiten, um überhaupt Kapazitäten aufzubauen. Bei der massiven Steigerung der Nachfrage wie im Moment bräuchten viele Firmen eigentlich fünf Jahre Vorlaufzeit. Und nicht alle Pharmazeutika sind generisch, also ohne Patentschutz, sodass man sie schnell produzieren kann.

Allerdings sehen wir im Moment auch unbürokratische Kollaboration zwischen Unternehmen, die eigentlich normalerweise konkurrieren. Das hat sich als ein effektives Instrument erwiesen um schnell Kapazitäten aufzubauen. Beispielsweise ist nach dem Erdbeben in Japan ein Konkurrenzlieferant eingesprungen, um Toyota unkompliziert auszuhelfen. Der ausgefallene Lieferant hat ihn dabei mit Konstruktions- und Produktionsplänen unterstützt. Am Ende haben alle dabei gewonnen.

Die Regierung der USA beruft sich mittlerweile auf Notstandsgesetze aus der Zeit des Koreakriegs, um zum Beispiel die Firma 3M dazu zu zwingen, mehr Atemschutzmasken für die USA zu produzieren und Exporte in andere Länder einzustellen. Auch wenn dieser Streit mittlerweile beigelegt ist – ob eine solche staatlich verordnete Notlieferkette die Lösung wäre, ist fraglich.

Wie sieht es mit der Abhängigkeit von China aus? Müsste nicht die Produktion vieler Güter, darunter auch Atemschutzmasken oder Medikamente, wieder auf viele Länder verteilt werden?

Ja. Allein in China gewisse Dinge zu beschaffen, kann natürlich unter Gesichtspunkten von Kosten und Effizienz kurzfristig rational erscheinen. Das Land ist die verlängerte Werkbank der Welt, dort kann man kostengünstig und effizient produzieren. Gleichzeitig ist ein alleiniges Beschaffen in China möglicherweise zu kurzfristig gedacht.

Ich beschäftige mich in meiner Forschung schon länger mit sogenannten Multi-sourcing-Strategien. Um sich abzusichern, haben Unternehmen oft weitere Lieferanten vor Ort, die in einer solchen Situation einspringen können. Optimalerweise sollte man die Lieferkette so anlegen, dass dieser Lieferant auch unabhängige Lieferwege hat, die nicht durch einen Kollaps in China beeinflusst werden. Ich glaube, dass die Krise das Risikobewusstsein in den Unternehmen noch einmal gestärkt hat und sie reine „Made in China“-Strategien möglicherweise überdenken werden.

Welche Bereiche sehen Sie im Moment als besonders gefährdet an?

Es wird vor allem Bereiche hart treffen, für die gewisse Regionen der alleinige Lieferant – oder auch Kunde – sind. Oder Bereiche, in denen Fachkräfte die alleinigen Fähigkeiten für die Herstellung eines Produkts besitzen. Zum Beispiel in der Elektronikindustrie sind Lieferketten zwar typischerweise lang und weitverzweigt, sie haben aber alle einen Engpass irgendwo in China.

Was können wir aus der Krise für die Gestaltung von Lieferketten lernen?

Wir beobachten gerade einen Stresstest für die Lieferketten, dessen Nachwirkungen wir uns ganz genau ansehen werden. Sicherlich gelten auch in Zukunft die Grundsätze von schlanken und flexiblen Lieferketten, genügen Ausweichlieferanten und dem Aufbau neuer Lieferketten, wenn bestehende überlastet sind. Aber ob man so eine Krise vollständig planerisch vorwegnehmen kann, ist zu bezweifeln. Wichtiger ist es eher, die Voraussetzungen zu schaffen, um flexibel reagieren zu können.

Wir sollten das Ganze auch nicht nur negativ sehen, sondern auch das Positive beachten. Diese Krise bewirkt, dass wir insgesamt innovativer werden. Wir haben gerade die Chance zu beobachten, wie Unternehmen und Lieferketten mit extrem hohem Risiko umgehen und welche gut zurechtkommen. Was für Ideen entstehen jetzt? Wo entstehen diese Ideen und wer setzt sie um? Für mich ist eine sehr interessante Frage, wie wir in Zeiten der Krise innovieren können.

Das Gespräch führte Eva Schissler.

 

Zur Person:

Professor Dr. Fabian J. Sting leitet zusammen mit Professor Dr. Ludwig Kuntz, Professor Dr. Ulrich W. Thonemann und Professor Dr. Horst Tempelmeier die Supply Chain Management Area der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Supply-Chain-Strategie, Technologie- und Innovationsstrategie, Produktionsmanagement und Prozessinnovation. Der Bereich an der Universität zu Köln gehört zu den führenden akademischen Institutionen auf den Gebieten Supply Chain Management sowie Produktions-, Service- und Logistikmanagement.

“Es ist die Natur eines Start-ups, schnell neue Ideen umzusetzen”

Geschäftsführer Marc Kley über den Umgang mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie im Exzellenz Start-up Center

Marc Kley vor Zuhörern

Die Corona-Pandemie verursacht in allen Lebensbereichen Situationen, auf die sich zuvor niemand einstellen konnte und wirft für viele die Frage auf: Wie geht es weiter? Auch das Exzellenz Start-up Center (ESC) der Uni Köln und seine Start-ups versuchen, Wege zu finden, mit den sich schnell ändernden Begebenheiten umzugehen. Marc Kley, Geschäftsführer des ESC, kennt die Start-up-Szene an der Uni Köln und in der Stadt seit vielen Jahren. Im Interview berichtet er, wie das neugegründete ESC mit dieser Krisensituation umgeht, was das Projekt trotz der Corona-Pandemie plant und wie die Start-ups des ESC in dieser Zeit arbeiten.

Interview mit Marc Kley

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie das Exzellenz Start-up Center und wie unterstützt das ESC-Team Gründungs- und Transferinteressierte?

Wir müssen uns auf die neuen Bedingungen einstellen und mit der Ungewissheit der nächsten Monate umgehen lernen. Da geht es uns nicht anders als allen anderen auch. Allerdings haben wir sehr schnell unsere Beratungsangebote auf Telefon- und Videokonferenzen umgestellt, sodass es keine Ausfälle unserer Services gibt. Wir unterstützen unsere Start-ups in ihren Home-Office-Situationen nach Leibeskräften. Da sind besonders unsere Start-up-Coaches sehr aktiv. Sie stehen auch hier täglich im Austausch mit den Start-up-Teams und beantworten drängende Fragen, finden Lösungen und vermitteln Ansprechpartner*innen aus unserem Netzwerk.

Ein gutes Netzwerk ist in diesen Zeiten sicherlich wichtiger denn je.

Es ist ein zentraler Aspekt unserer Arbeit, ein gutes Netzwerk zu schaffen, von dem unsere Start-ups profitieren können. Generell arbeiten wir mit unseren Partner*innen sehr eng zusammen. Das ist natürlich auch in Krisenzeiten ein großer Vorteil. Unsere Partner*innen wie die Wirtschaftsförderung der Stadt Köln, die IHK, der Digitalhub Cologne oder die NRW Bank bemühen sich, mit uns zusammen unseren Start-ups schnell Unterstützung und Kontaktpartner*innen für konkrete Probleme zu finden. Generell erlebe ich das Kölner Ökosystem und das Netzwerk der Kölner Hochschulen, zum Beispiel im Rahmen des hochschulgründernetz cologne (hgnc), als sehr aktiv und lösungsorientiert in diesen Zeiten.

Was können Hochschulen Gründungsinteressierten bieten – auch in diesen Zeiten?

Hochschulen als solches sind ein ideales Umfeld, da hier das wissenschaftliche Know-how liegt und viele Innovationen entstehen. Das schafft ein hervorragendes Milieu für wissensbasierte Gründungsideen. Gleichzeitig haben Gründungsinteressierte hier einen direkten Zugang zu Studierenden und Wissenschaftler*innen, die den Gründungsweg gerade gehen oder gegangen sind. Sie können sich bei ihnen Inspiration und Ratschläge für eigene Projekte holen. Gerade an der Uni Köln im Exzellenz Start-up Center schaffen wir diese Austauschplattform und ein Supportsystem. Studierende können Praktika bei unseren Start-ups machen oder als Mitarbeiter*in hineinwachsen. So erfahren sie hautnah gelebten Unternehmergeist und was es bedeutet, ein Start-up zu gründen.

An der Uni Köln ergänzen außerdem diverse studentische Initiativen wie der Entrepreneurs Club Cologne oder Enactus das Angebot. Hier bekommt man schnell Anschluss an eine vitale Community, die das Gründungsökosystem an der Uni bereichert.

Wie geht es den Start-ups des ESC zurzeit?

Unseren Start-ups geht es gut. Noch haben sie keine größeren Sorgen, sondern starten selbst eigene Aktionen, um anderen in dieser verunsichernden Zeit zu helfen. Unsere Start-ups LOLOCO und VYTAL haben beispielsweise Online-Initiativen ins Leben gerufen, um jeweils den deutschen Handel und die Gastronomie zu unterstützen. Es ist toll, zu sehen, wie unsere Start-ups ihr Know-how einsetzen, um in dieser Situation einen Beitrag zu leisten. Es gehört ja auch zur Natur eines Start-ups, schnell neue Ideen umzusetzen. Da werden zurzeit einige Projekte angestoßen, die in der Krise helfen sollen. Diese unterstützen wir natürlich als ESC auch sehr gerne.

Was ist für die nächsten Monate geplant?

Unabhängig von der Krise wollen wir unser Angebot, das wir mit dem GATEWAY Gründungsservice aufgebaut haben, erweitern und um diverse Bausteine ergänzen. Wir möchten an allen Stellen die Vernetzung und den Austausch stärken zwischen Wissenschaft, Industrie, unseren Start-ups und den Kölner Hochschulen, die im Gründungsbereich aktiv arbeiten.

Unser Beratungsangebot stärken wir bereits jetzt mit einem größeren Coaching-Team. Deshalb werden wir zukünftig auch individueller auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Start-ups eingehen können. Außerdem werden wir in den nächsten Monaten ein Accelerator-Programm neugestalten. Zudem erweitern wir unser Betreuungsprogramm und werden einen Alumni-Club für unsere Start-ups ins Leben rufen.

Zurzeit sind Veranstaltung und Lehrangebote in Präsenz an der Universität zu Köln nicht möglich. Allerdings bereitet die Universität gerade ein digitales Semester vor. Wie geht das Exzellenz Start-up Center mit der vom Land verordneten Kontakteinschränkung um?

Wir haben umgehend unsere Beratungsangebote für Start-ups und für alle Gründungsinteressierte auf telefonische und digitale Beratungen eingerichtet. Außerdem arbeiten wir sowieso in unserem ESC-Programm am Thema „Digitalisierung“. Einerseits werden wir Lehrangebote zu Digitalisierungskompetenzen für Studierende und Wissenschaftler*innen schaffen. Dazu gehören beispielsweise Themen wie App-Entwicklung oder Prototypenbau. Andererseits wird ein digitales Lehrangebot zum Thema „Strategic Business Toolkit“ in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät erarbeitet, um den Studierenden flächendeckend und in Ergänzung zum Curriculum unternehmerisches Denken und Handeln zu vermitteln. Weitere Seminare und Workshops werden online folgen, sollte die Lage so anhalten.

Das Gespräch führte Julia Nüllen.

 

Über das GATEWAY Exzellenz Start-up Center (ESC) 

Das GATEWAY Exzellenz Start-up Center (ESC) der Universität zu Köln fördert mit einem ganzheitlichen Ansatz Gründungen aus der Hochschule und eine Kultur des unternehmerischen Denkens und Handelns. Mehr Informationen gibt es auf der Webseite https://www.gateway.uni-koeln.de/.

„Zwei Tage niedergeschlagen sein und dann nach kreativen Lösungen suchen“

Gründer im Audiointerview

Die Gründer Malte Hendricks und Tim Breker sprechen mit Andreas Klein darüber, wie ihre beiden Start-ups mit der Corona-Pandemie umgehen und wie sie beschlossen haben, aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen. Mit dem Know-How aus ihren Start-ups unterstützen sie Gastronomien und Dienstleister*innen in Deutschland darin, dass es auch nach Corona weitergehen kann.

Gründer
Die Gründer Malte Hendricks (links) und Tim Breker

Anmerkung: Das Interview wurde am 16. April 2020 von Andreas Klein und Julia Nüllen geführt und referenziert die am 20. April beginnenden bundesweiten Lockerungsmaßnahmen. 

Links:
Support your local Gastro in Köln aktiv als „Mersineins“:
https://www.mersineins.de/
https://www.loloco.app/herz-fuer-haendler/home
https://www.gateway.uni-koeln.de/

Texte: Katajun Amirpur, Frieda Berg, Sarah Brender, Thomas Grundmann, Robert Hahn, Béatrice Hendrich, Julia Nüllen, Jürgen Rees, Frauke Rostalski, Eva Schissler, Stephanie Wolff

Audio: Andreas Klein, Julia Nüllen

Website Konzept, Technik, Gestaltung: Sarah Brender


50 Jahre Mondlandung

Ein historischer Moment: Vor 50 Jahren, am 21. Juli 1969, betraten zum ersten Mal Menschen den Mond. „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“, sagte der US-Astronaut Neil Armstrong als er den Mond betrat. Eine 110 Meter große Saturn V Rakete hatte das Team um Armstrong dorthin gebracht. Der gesamte Hinflug zum 384.403 Kilometer entfernten Mond dauerte etwa 76 Stunden.
Keine Frage, die Mondlandung war auch ein Spektakel der Raumfahrtingenieurskunst. Die Auswirkungen auf die Wissenschaft und Kultur sind heute noch zu spüren.

Die Universität zu Köln hat zu diesem Anlass Geschichten, Interviews, Podcasts und Videos zusammengestellt:

Geologische Studie

Der Mond ist älter als bisher angenommen

Eine neue Studie unter der Federführung von Geowissenschaftlern der Universität zu Köln hat das Alter des Mondes auf circa 50 Millionen Jahre nach der Entstehung des Sonnensystems eingegrenzt. Unser Sonnensystem ist 4,56 Milliarden Jahre alt. Die neue Studie datiert somit das Alter des Mondes auf ca. 4,51 Milliarden Jahre.

Das bedeutet, dass der Mond sehr viel älter ist, als bisher angenommen. Bislang wurde sein Alter in der Forschung auf deutlich jünger als 4,5 Milliarden Jahre geschätzt.

Um diese Ergebnisse zu erzielen, analysierten die Wissenschaftler die chemische Zusammensetzung einer Vielzahl von Gesteinsproben, die auf unterschiedlichen Apollo-Missionen gesammelt wurden. Die Studie „Early Moon formation inferred from hafnium–tungsten systemics“ wurde in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlicht.

Am 21. Juli 1969 landeten Menschen erstmals auf einem anderen Himmelskörper. Die Besatzung der Apollo 11-Mission sammelte in ihren wenigen Stunden auf der Mondoberfläche 21,55 kg Gesteinsproben und brachte sie zur Erde zurück. Aus diesen Proben können Forscherinnen und Forscher auch 50 Jahre später noch neue Erkenntnisse über Schlüsselereignisse im frühen Sonnensystem und über die Entwicklung des Erd-Mond-Systems gewinnen. Die Entstehung des Mondes war das letzte große planetare Ereignis nach der Entstehung der Erde. Eine genaue Bestimmung des Alters des Mondes lässt daher auch Rückschlüsse darüber zu, wie und wann die Erde entstanden ist und wie sie sich zu Beginn des Sonnensystems entwickelte.

Die Geowissenschaftler haben in ihrer Studie die chemischen Signaturen unterschiedlicher Arten von Mondgestein untersucht, die während der verschiedenen Apollo-Missionen gesammelt wurden. „Ein Vergleich der relativen Mengen einzelner seltener Elemente im Gestein zeigt, wie die einzelnen Proben mit dem Mondinneren und der Verfestigung des einst flüssigen Magmaozeans auf seiner Oberfläche zusammenhängen“, sagt Dr. Raúl Fonseca von der Universität zu Köln. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Felipe Leitzke simuliert er in Laborexperimenten Prozesse, die im Innern des Mondes ablaufen.

Der Mond entstand wahrscheinlich infolge einer gigantischen Kollision zwischen einem Himmelskörper von der Größe des Mars und der frühen Erde. Im Laufe der Zeit wuchs der Mond aus dem Material, das nach der Kollision in die Erdumlaufbahn geschleudert wurde. Der frühe Mond war von einem flüssigen Magmaozean bedeckt, der beim Abkühlen verschiedene Arten von Gesteinen bildete. „In diesen Gesteinen, die man heute noch auf der Mondoberfläche finden kann, sind Informationen über die Entstehung des Mondes archiviert“, sagt Dr. Maxwell Thiemens, Erstautor der Studie, der bis vor Kurzem noch an der Universität zu Köln geforscht hat. Koautor Dr. Peter Sprung fügt hinzu: „Solche Beobachtungen sind auf der Erde nicht mehr möglich, da unser Planet im Laufe der Zeit geologisch aktiv war. Der Mond bietet somit eine einzigartige Gelegenheit, die frühe Geschichte eines Himmelskörpers zu erforschen.“

Die Kölner Wissenschaftler zeigten anhand der Beziehung zwischen den seltenen Elementen Hafnium, Uran und Wolfram, wie das Basaltgestein der Mare (schwarze Tiefebenen auf der Mondoberfläche) durch Schmelzprozesse entstanden ist. Dank einer bisher unerreichten Messgenauigkeit stellten die Kölner Geowissenschaftler fest, dass diese Elemente in den verschiedenen Gesteinseinheiten in unterschiedlichen Verhältnissen auftreten. Damit können sie das Verhalten dieser seltenen Elemente bei der Entstehung des Mondes genauer charakterisieren.

Durch die Untersuchung von Hafnium und Wolfram auf dem Mond können Geologen eine radioaktive Uhr anwenden, bei der das radioaktive Isotop Hafnium-182 zu Wolfram-182 zerfallen ist. Dieser radioaktive Zerfall war nach den ersten 70 Millionen Jahren des Sonnensystems komplett abgeschlossen. Eine Kombination dieser Daten mit den Informationen aus Laborexperimenten zeigt nun, dass der Mond bereits 50 Millionen Jahre nach der Entstehung des Sonnensystems begonnen hat, sich zu verfestigen. „Diese Altersbestimmung zeigt, dass das große Kollisionsereignis vor dieser Zeit stattgefunden haben muss und beantwortet die in der Wissenschaft sehr umstrittene Frage nach dem genauen Zeitpunkt der Entstehung des Mondes“, sagt Professor Dr. Carsten Münker vom Institut für Geologie und Mineralogie der Universität zu Köln, Seniorautor der Studie.

Maxwell Thiemens resümiert: „Die ersten Schritte der Menschheit auf einem anderen Planeten vor 50 Jahren lieferten Proben, die uns den Zeitpunkt und die Entwicklung des Mondes sowie den Ursprung der Erde verstehen lassen. Da die Entstehung des Mondes das letzte planetarische Ereignis nach der Entstehung der Erde war, können wir anhand des Alters des Mondes auch das Mindestalter der Erde bestimmen.“

Kann man aus Mondstaub und Sonnenlicht ein Haus bauen?

Es antwortet Professor Dr. Matthias Sperl, Institut für Theoretische Physik

Diese Frage ist nicht etwa ferne Zukunftsmusik. Die Europäische Weltraumorganisation ESA kündigte schon 2016 an, eine dauerhafte Mondstation bauen zu wollen. Die chinesische Raumfahrtbehörde CNSA sowie die amerikanische Weltraumbehörde NASA und die private Firma Space X des Tesla-Gründers Elon Musk tüfteln ebenfalls an entsprechenden Plänen.

Bei einem längeren Aufenthalt auf dem Mond müssten Menschen die Ressourcen vor Ort nutzen. Denn es ist einerseits teuer, Materialien von der Erde auf den Mond zu schaffen: mehrere 100.000 Euro pro Kilogramm. Andererseits muss die Versorgung vor Ort zuverlässig sein. Die Ideen für die Ressourcennutzung auf dem Mond sind beinahe endlos, allerdings ist für viele dieser Ideen eine gehörige Menge an Infrastruktur notwendig.

Wir und andere Forschungsteams haben bereits angefangen zu überprüfen, ob Mondstaub als Baumaterial verwendet werden kann. Tatsächlich ist es möglich, Mondstaub mit Sonnenlicht zu einem künstlichen Stein zu verbacken, der mechanische Eigenschaften zwischen denen von Gips und von Beton besitzt. Bauelemente aus so einem künstlichen Stein würden die großen Temperaturunterschiede von 300 Grad zwischen Tag und Nacht auf dem Mond besser überstehen als traditioneller Beton. Gleichzeitig würde dieses Material vor Strahlung schützen – eine wichtige Anforderung an Baumaterial auf dem Mond.

Ungeklärt ist noch, wie wir mit granularen Materialien unter reduzierter oder nicht vorhandener Schwerkraft umgehen können. Auf der Erde verfügen wir über jahrelange Erfahrung in der Handhabung von Granulaten. Doch wir verstehen ihr Fließverhalten bei weitem nicht so gut wie das Verhalten von Flüssigkeiten und Gasen. Während der Weltraummission von Alexander Gerst fanden deshalb auf der internationalen Raumstation ISS Experimente statt, um diese Wissenslücken zu schließen und das Verhalten von Granulaten besser berechenbar zu machen – im Weltall und auf der Erde.

Video

Wieso gibt es Mondphasen?

Jedes Kind kennt den Anblick: Manchmal erscheint der Mond als großer Ball, manchmal als schmale Sichel, manchmal ist er gar nicht zu sehen. Doch wie erklärt man Kindern dieses Phänomen? Im Rahmen eines Medienpraktikums haben Bachelor- und Master-Studierende des Instituts für Physikdidaktik einen Film erstellt, der SchülerInnen einfach und anschaulich die verschiedenen Mondphasen erklären soll.

Podcasts

Mondspiegelung – Mediale Aneignungen des Erdtrabanten

Mit den ersten Schritten eines Menschen auf dem Mond entsteht ein Sinnbild für Fortschritt, technischen Triumph und Zukunftsverheißung. Doch 1969 verwandelt sich die Semantik des Monds nicht zum ersten Mal: Der Erdtrabant wurde in verschiedensten kulturellen und kommunikativen, künstlerischen, rhetorischen, metaphorischen und ästhetischen Kontexten immer wieder medial neu angeeignet. Mit den unterschiedlichen Aneignungen befasst sich die Ringvorlesung des Instituts für Medienkultur und Theater.

Interview mit Professor Jochen Hinkelbein vom Universitätsklinikum Köln

Notfall im All

Medizinische Versorgung während der Mission

Professor Jochen Hinkelbein vom Universitätsklinikum Köln hat sich auf die Luft- und Raumfahrtmedizin und die Behandlung von Notfällen in Extremsituationen spezialisiert. Dank intensiver medizinischer Untersuchungen und Vorbereitungen während der Astronautenauswahl sind medizinische Probleme bei Weltraummissionen zwar selten. Dennoch bleibt das Risiko schwerer medizinischer Ereignisse, insbesondere bei Langzeitmissionen wie etwa einem Flug zum Mars oder bei einem längeren Aufenthalt auf dem Mond, aber groß.

Herr Hinkelbein, beim Gedanken an die Mondlandung kann man schon einmal einen Sprung machen. Was würden Astronauten eigentlich unternehmen, wenn während einer Mission das Herz stehen bleibt?

Ein Herz-Kreislaufstillstand bei einem Astronauten während einer Mission ist der schlimmste Notfall. Für die Wiederbelebung in Schwerelosigkeit gibt es aber verschiedene Techniken und Konzepte, so dass man prinzipiell einen Betroffenen retten kann. Eine geeignete Möglichkeit ist die sogenannte Handstand-Technik, bei der man die gegenüberliegende Seite des Raumes nutzt und quasi im Handstand (mit den Füßen zur „Decke“) die Thoraxkompressionen ausführt.  Allerdings wird das Behandlungsergebnis nach einer Reanimation wegen der nicht vorhandenen Intensivmedizin im Weltall dennoch oft sehr schlecht sein.

Ich packe meinen Notfallkoffer für den Mond und nehme mit … Gibt es eine medizinische Grundausstattung, bzw. Grundausbildung für Astronauten?

Alle Astronauten werden notfallmedizinisch trainiert – es ist ja nicht immer bzw. fast nie ein Arzt an Bord. Das müssen die Astronauten selbst übernehmen. Sie sind in medizinischen Basismaßnahmen ausgebildet, z.B. Versorgen kleinerer Wunden oder dem Legen eines venösen Zugangs. Was das wichtigste dabei im Weltall ist? Wahrscheinlich ein Buch für das Training und das Hintergrundwissen.

Was sind die wesentlichen Herausforderungen der Notfallmedizin im All?

Die Hauptherausforderung der Notfallmedizin im Weltall ist die Entfernung von der Erde – die Crew ist autark und auf sich alleine gestellt. Die Schwerelosigkeit erschwert darüber hinaus die notfallmedizinische Versorgung. Ein einfaches Beispiel: Selbst das Verabreichen einer Infusion ist schon schwierig, weil die Infusionslösung – nicht wie auf der Erde – durch die Schwerkraft quasi von alleine in die Vene fließt. Hier muss man vielmehr die Infusion mittels Druckbeutel verabreichen.

Wie studiert man eigentlich die Bedingungen und Auswirkungen der Weltraummedizin, da man ja nicht unbedingt, bzw. nur bedingt vor Ort Studien durchführen kann?

Das ist absolut richtig. Die Schwerelosigkeit kann man auf der Erde bei Parabelflügen für eine Dauer von ca. 22 Sekunden generieren. Das ist zwar nicht lang, aber dennoch für manche Studien hilfreich. Aktuell führen wir eine Studie zum Atemwegsmanagement und zur Intubation durch, um die Techniken und Fähigkeiten von professionellen Helfern zu analysieren. Ein Parabelflug ist dafür zu kurz, daher haben wir uns entschlossen die Studie unter Wasser beim Tauchen und somit in gefühlter Schwerelosigkeit durchzuführen.

Kosmisches in der elektronischen Musik

“Der Mond als Fenster zum Universum – Kosmisches in der elektronischen Musik”, so lautete der Titel eines Vortrags, den Juniorprofessor Marcus Erbe vom Musikwissenschaftlichen Institut kürzlich im Rahmen der Ringvorlesung “Mondspiegelung” gehalten hat. In seinem Vortrag hat Juniorprofessor Erbe aufgezeigt, welche Rolle der Mond und das Universum als Thema in der elektronischen Musik spielen.

Musik aus Alltagsgeräuschen

Elektronische Musik ist im Gegensatz zur Instrumental- und Vokalmusik dadurch charakterisiert, dass sie mit elektronischen Klangerzeugern (z.B. Synthesizer, elektrische Orgel) produziert und über Lautsprecher wiedergegeben wird. Ihre Ursprünge hat die elektronische Musik in der Musique concrète mit Pierre Schaeffer (1948) und Pierre Henry (1949), die Alltagsgeräusche mit Schallplatten- und Tonbandgeräten aufgenommen und mit Hilfe von Tonbandschleifen sowie anderen technischen Geräten verfremdet haben. Anschließend haben sie die Alltagsgeräusche mit eingespielten Instrumenten gemischt, um aus den so geschaffenen Klängen Musikstücke zu produzieren.

Elektronische Klänge in der Filmmusik

Indem Alltagsgeräusche technisch verfremdet und mit elektronischen Geräten beliebige Wellenformen erzeugt werden können, ermöglicht elektronische Musik neuartige Klänge, wie sie mit herkömmlichen Instrumenten nicht spielbar sind. Gerade für die Vertonung von Filmen ergibt sich daraus ein unerschöpfliches Potenzial an Tönen und Geräuschen. Bei der Filmvertonung werden Instrumente und elektronisch erzeugte Klänge so miteinander gemischt, dass daraus ein komplexer Klangteppich entsteht, der die emotionale Wirkung des Bildes beim Zuschauer intensiv verstärken kann. Daher ist es nur konsequent, dass elektronische Klänge auch genutzt werden, um Soundtracks für Filme zu produzieren, die das Weltall und die Raumfahrt zum Thema haben. Als Beispiele seien die Filmklassiker “Forbidden Planet” (USA, 1956), “Raumpatrouille Orion” (BRD, 1966) und “Der schweigende Stern” (DDR/Polen, 1959) genannt.

Passende Klänge zum Bild

Für die Vertonung von Filmszenen, die das Weltall zeigen, werden oftmals flächige, schwebende Klänge mit viel Hall- und Echo-Effekten verwendet, um so die Weite des Alls zum Ausdruck zu bringen. Raumschiffe, Maschinen und bedrohliche Monster werden häufig durch tiefe, dumpfe Töne und Geräusche akustisch repräsentiert, teilweise ergänzt um perkussive Klänge, wie beispielsweise bei den Schrittgeräuschen des ID-Monsters im Film “Forbidden Planet”. Die Sprache von Außerirdischen wird in Filmen zuweilen mit Hilfe von Tonsequenzen zum Ausdruck gebracht, die aus vielen schnell aufeinanderfolgenden kurzen elektronisch erzeugten Tönen bestehen.

Wirkung der Filmmusik

Dass Klänge die emotionale Wirkung von Filmbildern beim Zuschauer verstärken können, beruht vor allem auf individuellen Erfahrungen mit dem Stilmittel Musik, die wir beim Ansehen vieler Filme gemacht haben. Daher haben wir beim Betrachten von Filmsequenzen, zumindest unterbewusst, entsprechende Erwartungen an die Filmmusik bzw. den Soundtrack. Wir wären zum Beispiel irritiert, wenn eine Filmszene mit aggressiven Aliens von leisen, weichen Harfenklängen begleitet würde – es sei denn, wir erkennen, dass in diesem Fall die Musik vom Filmemacher aus dramaturgischen Gründen ganz bewusst so gewählt wurde.

“Spacige” Klänge in der Popmusik

“Spacige” Klänge sind nicht nur für die Musik in Filmen, die das Weltall und die Raumfahrt zum Thema haben, prägend, sondern können auch andere Musikrichtungen bereichern. Sequenzen mit wabernden, “spacigen” Klängen wurden unter anderem in vielen elektronischen Popmusik-Stücken der 1960er und 70er Jahre verwendet, zum Beispiel in Klaus Schulzes „Moondawn“ und in Stücken der Gruppen Ash Ra Tempel und Tangerine Dream. Auch heute noch sind solche Klänge wesentliches Element der Ambient- und New Age-Musik sowie mit ihr verwandter Richtungen.

Immersives Erleben des Weltalls

Die Digitalisierung in der elektronischen Musik bietet mittlerweile viele zusätzliche, neuartige Möglichkeiten der Klangerzeugung und -veränderung. Zudem können diese Klänge ohne großen Aufwand in einem virtuellen 3D-Raum angeordnet und bewegt werden. Dies ermöglicht immersive, klangliche Ausdrucksformen, die dazu beitragen werden, dass wir in Zukunft immer intensiver in Film, Computerspiel und anderen Medien virtuell in die Weiten des Weltalls eintauchen können.

Die Amerikaner wollen es, die deutsche Industrie will es und sogar das kleine Luxemburg hat es schon beschlossen: Die Ausbeutung des Mondes zu kommerziellen Zwecken. Space Mining heißt das Schlagwort, seltene Erden sucht man. Goldfieber macht sich breit. Doch wem gehört der Erdtrabant? “Allen!” sagt Weltraumrechtler Professor Stephan Hobe.

In Amerika verkauft ein Mann von der selbsternannten Lunar Embassy Parzellen auf dem Mond. Das Land kostet je nach Lage zwischen 24.99 und 499.80 US Dollar. Derweil beschäftigt sich in Köln ein Rechtswissenschaftler mit den Nachrichten, die er liest: „Can the U.S. Annex the Moon?“ – „Who owns the moon? – „Space Investors, Rejoice! There May Be Something Worth Mining on the Moon“. Wenn Professor Stephan Hobe solche Nachrichten über die Pläne einzelner Staaten sieht, auf dem Mond nach eigenem Gutdünken Mineralien zu fördern, wird er ungehalten. Der Wissenschaftler ist Spezialist für Luft- und Weltraumrecht und gilt als international angesehener Rechtsgelehrter. Nationale Gesetze zur Ausbeutung des Mondes, wie sie inzwischen in den USA und Luxemburg beschlossen wurden, sind für ihn Unsinn: „Ist der Mond ein Amerikaner, ist er ein Luxemburger? Sind Luxemburg oder Amerika zuständig, um solche Lizenzen zu erteilen?“, fragt er. „In meinen Augen ist das eine flagrante völkerrechtswidrige Überschreitung.“

Grund für diese Einschätzung ist der sogenannte Weltraumvertrag, der 1967 in Kraft trat und den bis heute 107 Staaten unterschrieben haben. Er definiert den Weltraum und die Himmelskörper als internationales Gebiet, in dem nur gemeinsame, dem Völkerrecht folgende, Verträge erlassen werden können. „Es gibt keine staatliche Hoheit, keine nationale Souveränität im Weltraum. Er ist ein internationaler Raum. Das gilt auch für den Mond.“ Dass die Amerikaner mehrfach eine Flagge auf den Mond aufgestellt haben, ändere daran nichts.

Den Mond und die Sterne kaufen

Also ist alles nur eine Fantasie? The man who sold the moon heißt eine Geschichte des amerikanischen Science Fiction-Autors Robert A. Heinlein, in der ein begnadeter Geschäftsmann den Mond verkauft. Kann man den Mond verkaufen? Private Unternehmungen im Weltall sind gestattet, müssen aber von einem Staat lizensiert werden, der daraufhin Kontrollpflichten hat und für Schäden haftet.

Und mit den Fortschritten in der Raumfahrt und der NewSpace-Bewegung werden die ökonomischen und militärischen Begehrlichkeiten nun in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts größer. 382 Kilo Mondgestein sind bisher die Ausbeute der amerikanischen und russischen Mondexpeditionen. Es dient wissenschaftlichen Zwecken, hat aber keinen nennbaren kommerziellen Wert.

Doch die Fantasien fliegen hoch, wenn es um Bodenschätze geht: Seltene Erden oder Gold sollen auf dem Mond oder Asteroiden schlummern. Deswegen gab es im Jahr 2015 einen Vorstoß im Kongress der USA, der vorschlägt, den Abbau auf Asteroiden durch Amerikaner auch amerikanischem Recht zu unterstellen. „Ich halte den Asteroid Mining Act für völkerrechtlich problematisch. Ressourcenabbau und -ausbeutung auf Himmelskörpern ist eine internationale Frage, die gehört nicht in das Gebiet nationaler Regelungen. Die Amerikaner versuchen beharrlich, das nicht zu beachten“, erklärt Hobe.

Der Mondvertrag – ein Vertrag, den niemand will

„Die Sache zeigt allerdings auch, dass die Ausbeutung von Bodenschätzen auf Himmelskörpern noch der rechtlichen Beantwortung harrt. Wir haben einen Mondvertrag, der bis jetzt noch nicht von allen akzeptiert wird und das liegt genau daran, dass man über die Ausbeutungsfrage keinen Konsens erzielen konnte“, so Hobe.
Der sogenannte Mondvertrag von 1979 ist der umstrittenste von allen Verträgen, die sich mit dem Weltraum beschäftigen. Nur 17 Staaten haben ihn ratifiziert. „Eine Frage stand dabei im Vordergrund: Wie darf man den Mond und andere Himmelskörper ausbeuten?“, erklärt er. „Der Vertrag enthält eine Klausel, die besagt, dass Erlöse aus der Nutzung der Ressourcen nicht allein dem ausbeutenden Staat, sondern in einer nicht festgelegten Art geteilt werden müssen.“ Der Mondvertrag ist demnach als eine Verfeinerung der allgemeinen Regeln zu verstehen, die 1967 im Weltraumvertrag niedergelegt wurden. „Das Aneignungsverbot für Himmelskörper gibt es schon seit 1967.“ Erforschung und Nutzung des Mondes sollen Anliegen der gesamten Menschheit sein, Erträge für die gesamte Menschheit dürfen nicht ausgeschlossen werden. „Das ist ein Verbot der exklusiven staatlichen Nutzung“, so der Weltraumrechtler.

Internationale Staatengemeinschaft am Zug

„One small step for a man, a huge leap for mankind“ sprach der amerikanische Astronaut Neil Armstrong am 21. Juli 1969 und senkte seinen Fuß in den Mondstaub. Mit ihm kam nicht nur ein menschliches Individuum auf dem Erdtrabanten an, sondern auch das menschliche Recht. Das gibt heute schon viele Antworten, muss aber im Rahmen des Völkerrechts ausgebaut werden. Deswegen meint Stephan Hobe: „Richtig dürfte sein zu sagen: heute steht noch gar nichts fest. Die Vertragspartner müssten die Forderungen aus dem Weltraumvertrag und Mondvertrag ausformulieren. Deshalb bin ich schon lange der Auffassung, dass es einer Staatenkonferenz bedarf, die eine Antwort findet und sei es auch nur ein Moratorium, wie in der Antarktis.“ Und er bleibt dabei: „Es gibt keine Berechtigung für Nationalstaaten, die Nutzung von Gemeinschaftsräumen unilateral zu regeln. Die Regulierung von Mondaktivitäten kann nur staatengemeinschaftlich erfolgen.“

In Amerika verkauft derweil ein Mann namens Dennis Hope Parzellen auf dem Mond nach amerikanischen Recht. “Since 1980, Over One Billion Acres sold and distributed Worldwide” steht auf der Website der Lunar Embassy. Ob es zum Jubiläum der ersten Mondlandung Sonderkonditionen gibt? Die Fantasien fliegen hoch – bis zum Mond.

Ein Kölner Stück vom Mond

Der Mond ist rund 380.000 Kilometer von der Erde entfernt – gleichzeitig, aber nur etwa 500 Meter vom Hauptgebäude der Universität. Denn was viele nicht wissen: auch die Uni ist im Besitz eines kleinen Stückchens Mond. Es stammt von einem Mondmeteoriten, der am 10. März 1998 in der Libyschen Sahara gefunden wurde. „Dar al-Gani 400“ (oder kurz: DaG 400) wie der Meteorit heißt, war mit einem Gewicht von 1,425 Kilogramm das bisher schwerste gefundene Exemplar. Durch einen Abgleich mit Gesteinsproben der Apollo-Missionen konnte die Herkunft vom Mond zweifelsfrei bewiesen werden.

Sowohl der Mondmeteorit, als auch ein Marsmeteorit und viele andere Gesteinsproben und Kristalle können im GeoMuseum der Uni besichtigt werden. Geöffnet ist das Museum mittwochs von 14 bis 20 Uhr und jeden letzten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr.

Weitere Informationen: http://www.geomuseum.uni-koeln.de/

Interview mit Stephan Packard und Tanja Weber

Ohne Fernsehen hätte es die Mondfahrt nicht gegeben

Warum fasziniert uns der Mond? Welche Rolle spielte das Fernsehen bei der ersten bemannten Mondlandung 1969? Und wieso halten sich die Verschwörungstheorien rund um die Mondlandung so hartnäckig?

Darüber haben wir im Doppelinterview mit zwei Medienkulturwissenschaftler*innen von der Uni Köln gesprochen. Stephan Packard ist Professor für Kulturen und Theorien des Populären an der Uni Köln und unter anderem Comicforscher. Tanja Weber ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Medienkultur und Theater und beschäftigt sich mit Fernsehgeschichte,-theorie und -analyse.

Womit erklären Sie sich die Faszination der Menschen für den Mond?

Packard: Aus meinem Blickwinkel ist das immer verschieden. Der Mond wird immer wieder auf neue Art instrumentalisiert und in verschiedene Kontexte eingebunden. Das geht bis in die Antike zurück und reicht von Mondgottheiten bis zur Zeitmessung. Ich denke, dass die Faszination also nicht so sehr vom Mond selbst ausgeht, sondern aus einem entgegenkommenden kulturellen Interesse.

Was finden Sie persönlich faszinierend am Thema?

Weber: Was man von Zeitzeugen über die Mondlandung liest, gibt die Faszination der Zuschauer gut wieder: „Das hat mein Leben verändert. Ich bekomme immer noch Gänsehaut.“ Diese Faszination zusammenzubringen mit den schwammigen und für uns heute nicht direkt spektakulären Bildern, finde ich als Wissenschaftlerin spannend.

Und wodurch fasziniert Sie der Mond, Professor Packard?

Packard: Mein Mondbegehren hat mit Futurologie zu tun. Da ist natürlich viel Ideologie mit drin, Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbindet sich etwa mit Expansionswillen. Aber die Hoffnung gehört für mich dazu.

Die Mondlandung 1969 wurde live übertragen und war ein absolutes Erlebnis für alle Zuschauerinnen und Zuschauer. Können Sie einordnen, was dieses Event auch für die Medien bedeutete?

Weber: Meine These ist: Die gesamte Mondfahrt wurde für das Fernsehen konzipiert und inszeniert. Ohne Fernsehen hätte es die Mondfahrt nicht gegeben. Es war unbedingt wichtig, dass das Fernsehen die Astronauten als  Figuren geschaffen und gleichzeitig als Kameramänner ausgebildet hat. Es war ein Propagandaereignis, aber doch ein friedliches, nicht wie 9/11, das den Erdball auf ganz andere Weise zusammenbrachte.

Packard: Die Propaganda sieht man auch an der Universalisierung. Die Amerikaner sagen: Wir als Menschen haben den Mond erreicht – obwohl es de facto nur Amerikaner, nur Männer und nur weiße Männer waren.

Weber: Und gleichzeitig wurde in einem totalen Akt der Vereinnahmung die amerikanische Flagge gehisst.

Von Anfang an gab es Verschwörungstheorien rund um die Mondlandung. Warum ist das so und wie erklären Sie sich, dass diese weiter so hartnäckig verbreitet werden?

Weber: Das schwammige televisuelle Bild ist so mehrdeutig und steht in totaler Diskrepanz zu den tiefenscharfen Fotos, die es danach gab. Und dazu kommt: Dass es Spaß bringen kann, Verschwörungstheorien gegen etwas zu denken! Und die ganze Inszenierung im historischen Kontext liefert natürlich perfekten Stoff für Verschwörungstheoretiker.

Packard (wirft ein): Aber wir beide sind uns einig: Die Mondlandung hat stattgefunden.

Weber (lacht): Obwohl wir immer wieder Witze darüber machen!

Professor Packard, Sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit Comicforschung. Was ist ihr Lieblingscomic mit Mondbezug?

Tatsächlich ist das der berühmteste Comic zur Mondlandung, den ich als Kind zum ersten Mal gelesen habe: Der zweibändige „Tim und Struppi“-Mondcomic von Hergé.

Wie hat sich Ihr Blick auf diesen Comic verändert – gab es Aspekte, die Sie heute als Erwachsener anders wahrnehmen?

Es gibt eine lange Szene im ersten Band, in der im Wesentlichen nur die Rakete vorgestellt wird. Das wird aber über unzählige Seiten als Slapstick-Szene inszeniert. Das erzeugt Dynamik. Mich hat diese Sequenz schon als kleines Kind fasziniert. Heute weiß ich, wie die Begeisterung für die Szene zustande kommt: Durch den Slapstick stellt sie treibende Kräfte neben die Informationen, die für sich genommen zwar auch interessant sind, aber nicht dasselbe Begehren zum Weiterlesen auslösen könnten.

Ich habe als Kind die ruhige, zweite Hälfte auf dem Mond fast als Enttäuschung empfunden. Heute kann ich aber sehen, wie sich Hergé für eine andere Art von Bild begeistert und die Gelegenheit, noch einmal etwas völlig Anderes zu zeichnen. Dieser zweite Band konzentriert sich auf den Mond als Ort. In ihm geht es also nicht wie in Band 1 um die Geschichte – sondern um die Darstellung: So malt Hergé den Mond.

Und wie tut er das?

Tintenschwarz, mit einzelnen Lichtpunkten. Die Menschen und die Rakete sind völlige Fremdkörper, die fast die gleiche Farbe haben und die einzigen runden Formen sind. Die runden Formen gehören in diesem Comic den Menschen. Es ist eine kontrastierende Gegenüberstellung: Sie sind in der eckigen, statisch scheinenden Kraterlandschaft des Mondes grobschlächtig und können sich kaum bewegen.

Mond-Quiz

Testen Sie Ihr Wissen über den Mond.

Wann genau war die erste bemannte Mondlandung?

 
 
 

Wie hieß die bemannte Mondmission, die als erste auf dem Mond landete?

 
 
 

Wie hoch ist das Gewicht der bei der ersten Landung gesammelten Gesteinsproben?

 
 
 

Wen bezeichnet man auch als vergessenen Astronauten der Mondlandung?

 
 
 

Wie reagierte der Astronaut Buzz Aldrin auf die Behauptung eines Verschwörungstheoretikers, die Mondlandung sei tatsächlich in der Wüste von Nevada inszeniert worden?

 
 
 

Wem gehört der Mond?

 
 
 

Wie hoch kann ein Astronaut mit Raumanzug auf dem Mond in etwa springen? Die Gravitation beträgt in etwa 1/6 im Vergleich zur Erde!

 
 
 

Wie heißt das größte der “Mondmeere”?

 
 
 

Warum kann man auf dem Mond lärmen, ohne dass es jemanden stört?

 
 
 

Welcher menschliche Gegenstand liegt nicht auf der Mondoberfläche?

 
 
 

Question 1 of 10


Texte: Jan Voelkel, Anneliese Odenthal, Robert Hahn, Peter Kohl, Mathias Martin, Sarah Brender, Anette Hartkopf, Jürgen Rees, Eva Schissler


Bild/Video/Audio: NASA, ESA, Adam Polczyk, Janine Klösges, Mathias Martin


Website Konzept, Technik, Gestaltung: Anette Hartkopf


Luxus

Für jeden bedeutet Luxus etwas anderes: ein schnelles Auto, eine teure Uhr, in der Hängematte liegen, Zeit für die Familie. Oder doch nicht? Was macht aus einem Service Luxus? Ein Forscherteam um Juniorprofessor Martin Fritze von der WiSo-Fakultät der Uni Köln hat sich aufgemacht, um dies auf Johann Lafers Stromburg herauszufinden.

Unter dem Motto “Ganz in Weiß” hatte Johann Lafer auch dieses Jahr wieder zu seiner Hausparty auf der Stromburg eingeladen. Exquisites Essen und Getränke standen auf dem Programm, genauso wie ein wundervoller Ausblick, das edle Flair der Burg und ein erlesenes Unterhaltungsprogramm.

In der Einladung zur Hausparty wurden den Gästen der finanzielle Rahmen mitgeteilt: “Der Eintritt kostet 245 Euro pro Erwachsenem, einschließlich aller Speisen, Getränke und Showacts. Für Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 16 Jahren sind nur 145 Euro zu zahlen, Kinder unter sechs Jahren feiern sogar kostenlos mit.” Echter Luxus also.

Der richtige Rahmen für Juniorprofessor Martin Fritze, der sich dafür interessiert, welche Elemente dazu beitragen, dass die Kunden eine Dienstleistung als Luxus empfinden. Hier kommen viele Aspekte in Frage: das Essen selbst, wie es angerichtet ist, das Ambiente, die Bekanntheit der Marke. Auch geht Fritze der Frage nach, welche Luxus-Services von den Kunden besonders gerne in Anspruch genommen werden.

Wir haben die Gäste auf der Stromburg, den Wissenschaftler Fritze und Johann Lafer persönlich danach gefragt, was für sie Luxus ist:

(c) Bags Cleaning Services Singapore

„Deutschland ist was die Erfahrung mit und Nutzung von Luxus-Services angeht noch relativ unerschlossen. Hier dreht sich viel um Luxus-Restaurants und Hotels,“ sagt Fritze. In anderen Ländern ist das Angebot bereits vielfältiger und umfasst andere Lebensbereiche. So können in Singapur die Damen ihre Luxusmarken-Handtaschen zu einem Reinigungsservice bringen. Auch private Chauffeure sind anderorts eine etablierte Luxus-Dienstleistung.

(c) Royal Plaza on Scotts

Auch das Leben in einer Wohnung, die mit dem Service eines Hotels kommt, ist in Singapur möglich. Serviced Apartments nennt sich das Konzept. Wäsche waschen und bügeln, Reinigung der Wohnung, Einkaufen – auf Wunsch alles inklusive. Oder es ist nur in der Mittagspause Zeit, um das Schönheitsprogramm zu absolvieren. In Singapur kein Problem. Haare, Fuß- und Fingernägel in einer Stunde, so dass drei Paar kompetente Hände parallel am Kunden oder an der Kundin arbeiten.

Bisher lag der Schwerpunkt beim Luxus-Konsum in Deutschland mehr auf den Luxusgütern, also den teuren Autos, Uhren, Schmuck. Für die Studie “Wirtschaftsfaktor Luxus Deutschland – Branchenmonitor” versuchte die Unternehmensberatung Roland Berger, Luxus zu definieren: Autos über 80.000 Euro, Uhren über 2500 Euro, Echtschmuck über 1500 Euro, Restaurants mit einem Michelin-Stern, die First Class im Flugzeug, Privatjets, Hotels mit fünf Sternen, usw. In Deutschland spielt beim Luxus-Konsum das “Understatement” eine wichtige Rolle: Man kann sich zwar Luxus leisten, es sollte aber nicht protzig sein.

Wir haben Dr. Martin Fritze gefragt, ob Luxus in Deutschland etwas Anrüchiges hat. Und Johann Lafer haben wir gefragt, ob es im Sinne des Understatements auch mal eine Curry-Wurst sein darf.

In den letzten Jahren rückt die Luxus-Dienstleistung immer mehr in den Mittelpunkt. Nur ist hierzu noch nicht viel geforscht worden. Wie erleben Kunden Luxus-Service? Was trägt dazu bei, dass Kunden einen Service als Luxus wahrnehmen? Fritze und sein Team haben beim Sommerfest auf der Stromburg Gäste von Johann Lafer befragt, um dem Geheimnis des Luxus-Service auf den Grund zu gehen.

Und was hat den Kunden an dem Abend auf der Stromburg besonders gut gefallen?

Erste Ergebnisse zeigen, dass ein Luxusempfinden im Dienstleistungskontext vor allem durch die persönliche Interaktion von Kunde und Dienstleister bedingt ist. Durch das außerordentliche Bemühen um die Erfüllung der Kundenwünsche entsteht ein Gefühl der Exklusivität. Auch für Johann Lafer sind dies bereits wertvolle Einsichten: „Wir haben die individuellen Kundenwünsche schon immer als Dreh- und Angelpunkt für die Zufriedenheit unserer Gäste wahrgenommen. Dies nun aber nochmal bestätigt zu wissen, hilft uns bei der Gestaltung unseres Dienstleistungsangebots.“

Ein besonderes Ambiente sowie aus Kundensicht unerwartete oder unbekannte Leistungen tragen dazu bei, dass das Erlebnis als besondere Erinnerung bleibt. Das Luxus-Dienstleistungserlebnis wird von den Befragten als positive Flucht aus dem Alltag beschrieben. „Es scheint fast ironisch, dass im digitalen Zeitalter die Dienstleistungen ein Luxusempfinden hervorrufen, welche eine (Rück-)Besinnung auf das persönliche und multisensorische Erfahren ermöglichen“, kommentiert Fritze die bisherigen Einblicke.

Coming Soon
Wie wichtig sind Luxus-Dienstleistungen für Sie?
Wie wichtig sind Luxus-Dienstleistungen für Sie?
Wie wichtig sind Luxus-Dienstleistungen für Sie?

Text: Corinna Kielwein

Foto & Video: Janine Kloesges, Frieda Berg

Website Gestaltung: Corinna Kielwein


Antiken Erdbeben auf der Spur

Erdbebensturm in der Bronzezeit? – Keine Spur!

Ging die mykenische Kultur durch ein Mega-Erdbeben unter? Die aktuellen Forschungen des Kölner Geophysikers Klaus-Günter Hinzen liefern neue Erkenntnisse zu einem alten Rätsel der Archäologie.

Ein Stoß – die Erde bebt im bronzezeitlichen Tiryns am argolischen Golf. Die zyklopischen Mauern des Palastes wanken. Eine Gruppe von Terracottafiguren auf einer Steinbank hüpft, sie taumelt wie Bowling-Kegel, die getroffen wurden. Einige der Figuren bewegen sich auf den Rand des Tisches zu, fallen auf den Boden und zerspringen. – Stopp. Das gleiche Bild: Die Terracottafiguren wackeln, hüpfen und fallen. Doch diesmal bewegen sie sich ein bisschen anders, sie fallen anders. Stopp. Klaus-Günter Hinzen spult mit der Fernbedienung die Simulation eines Erdbebens auf dem großen Bildschirm in der Erdbebenwarte Bensberg ab.

Was passiert mit einer Gruppe von antiken Figuren, wenn Erdbeben verschiedener Stärke auf sie einwirken? Viele tausend Mal haben der Kölner Geophysiker und sein Team die Figuren taumeln lassen, viele tausende von Daten mussten sie in das Computermodell eingeben. „Man hat in den 70er Jahren in einem Raum des mykenischen Palastes im griechischen Tiryns Terracottafiguren und –vasen gefunden, die zerbrochen auf dem Boden lagen“, erklärt der Kölner Seismologe, während er die Simulation erneut abspielt. „Die alte These war, dass diese Artefakte durch ein Erdbeben von einer steinernen Bank heruntergefallen seien.“ Hinzen schüttelt den Kopf: „Nach unseren Simulationen ist das sehr unwahrscheinlich.“ Die Figuren wurden zu weit entfernt vom Tisch gefunden, ihr Muster auf dem Boden stimmt nicht mit denen in der Simulation überein.

Antiken Erdbeben auf der Spur

Simulation stopp- Beginn Wirklichkeit: Hinzen ist der Leiter der Erdbebenwarte in Bensberg bei Köln. Dort überwachen er und seine Assistenten die Aktivität des rheinischen Untergrunds. Wann immer es zwischen Eifel und Ruhrgebiet in der Erdkruste rumpelt, haben seine Leute das Ohr am Geschehen: Ort, Tiefe, Stärke. Dafür haben die Wissenschaftler Messgeräte über das ganze Rheinland verteilt: in den Türmen des Kölner Doms genauso wie in der Eifel. Doch neben dieser Überwachungsarbeit übernehmen die Seismologen auch Forschungsaufträge in aller Welt als Archäo-Seismologen, so nennen sich Erdbebenforscher, die die Einwirkungen von Beben auf menschliche Bauten vor vielen Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden studieren. Dabei analysieren sie die Folgen der Beben: Verwerfungen der Erdschichten oder Zerstörungsmuster der Mauern. Die sind nämlich typisch für Erdbeben. So kamen Hinzen und sein Team an einen Forschungsauftrag und auf die Peloponnes.

Mithilfe von Simulationen überprüfen die Archäoseismologen eine alte Theorie.

Wo einst Perseus herrschte

Wo heute deutsche Pauschaltouristen zum Urlaub hinfliegen, lag einst die erste Hochkultur auf griechischem Boden. Auf der ganzen Peloponnes finden Archäologen die Ruinen der sogenannten mykenischen Kultur: Korinth, Tiryns, Midea und eben Mykene. Zyklopen sollen der griechischen Sage zufolge die wuchtigen Mauern des Palastes von Tiryns errichtet haben, der griechische Sagenheld Perseus herrschte hier mit seiner Gattin Andromeda, nachdem er sie vom Meeresungeheuer Ketos mit Hilfe einer Wunderwaffe errettet hatte: Das Haupt der Gorgone Medusa, das jeden, der es anschaut, in Stein verwandelt. Doch die Wirklichkeit ist nicht weniger fantastisch: Von mächtigen Palästen aus herrschten hier Fürsten über Städte und Länder, sie führten Kriege, leiteten eine ausgedehnte Verwaltung und pflegten die Schriftkultur. Vom 16. Jahrhundert vor Christus bis zum 12. Jahrhundert blühten die Fürstentümer der mykenischen Kultur, sie trieben Handel mit allen Mächten des Mittelmeerraumes und des Orients: Die Hethiter in Anatolien kannten die Griechen als Achijawa (Achäer), selbst die ägyptischen Pharaonen wussten von den Städten und Palästen jenseits des Meeres.

Völkersturm oder Erdbebensturm?

Doch dann war plötzlich Schluss. Um 1190 vor Christus bricht die Kultur zusammen. Die Paläste werden verlassen, es lassen sich Zerstörungen nachweisen. Etwa ein Jahrhundert noch finden sich Belege für eine Nutzung der Städte auf niedrigerem kulturellen Niveau. Dann findet auch dieses Nachglühen einer Hochkultur sein Ende. Was führte zum plötzlichen Abbruch der mykenischen Kultur? Waren es die eindringenden Stämme dorischer Griechen, die später Sparta gründeten? Waren es wirtschaftliche Probleme, die den Kreislauf des Metallhandels unterbrachen? Oder zerstörten eine Reihe von Erdbeben die blühende Kultur und löschten sie aus?

In der Ägäis stoßen die afrikanische und die eurasiatische Kontinentalplatte aneinander. Erdbeben sind in Griechenland nicht selten. Desaströse Erdbeben und Tsunamis sind aus historische Zeit in Griechenland bezeugt: Im Jahre 426 v. Christus bebte die Erde in Euböa und zerstörte die Stadt Orobiai, 373 v. Chr, ging die Stadt Helike am Golf von Korinth durch Erdbeben und Tsunami unter. Eine zuerst also nicht unplausible Theorie. Viele Archäologen erwogen deswegen ein Mega-Erdbeben oder einen „Erdbebensturm“ am Ende der Bronzezeit an, die die Paläste zerstörten.

Professor Klaus-Günter Hinzen erklärt, wie in Tiryns gemessen wurde.
Warum wurde Tiryns jetzt von Archäoseismologen vermessen?
Der Seismologe erklärt, wie die Wissenschaftler vorgegangen sind.

Untergang: ja – aber nicht durch Erdbeben

Nach seinen Untersuchungen sieht Hinzen das kritisch: „Für diese Hypothese konnten wir in den mykenischen Städten Tiryns und Midea keine Belege finden“, erklärt der Geophysiker zusammen mit dem Archäologen Professor Dr. Joseph Maran von der Universität Heidelberg. Seit 2012 haben die Kölner Archäoseismologen die mykenischen Zitadellen Tiryns und Midea im Rahmen des Projektes HERACLES (Hypothesis-Testing of Earthquake Ruined Argolid Constructions and Landscape with Engineering Seismology) untersucht.

Nun haben sie ihre Abschlussarbeit „Reassessing the Mycenaean Earthquake Hypothesis: Results of the HERACLES Project from Tiryns and Midea, Greece“ im Bulletin of the Seismological Society of America veröffentlicht. Das Projekt wurde von den Universitäten Köln und Heidelberg mit Unterstützung der griechischen Altertümerverwaltung durchgeführt und von der Gerda-Henkel-Stiftung und der Fritz-Thyssen-Stiftung jeweils zur Hälfte gefördert. Hinzen untersuchte mit seinem Team die mykenischen Zitadellen von Tiryns und Midea in der Argolis, im Nordosten der Peloponnes, wo auch Mykene liegt. Joseph Maran arbeitet seit Jahrzehnten an den Ausgrabungen in Tiryns und anderen mykenischen Städten. Für ihn war es wichtig, Klarheit über die faktische Beweislage zu bekommen.

Daten sammeln, Erdbeben simulieren

In den Jahren 2012 bis 2013 untersuchte das Team die lokale Geologie der Orte, ihre Lage in den Erdbebenzonen Griechenlands und die vermeintlichen Erdbebenschäden in den Grabungen vor Ort. Sie sammelten Daten und modellierten, wie sich Erdbeben in Tiryns und Midea ausgewirkt hätten. Die Forscher setzten eine Reihe von geophysikalischen Messverfahren ein: aktive und passive Seismik, refraktionsseismische Messungen und Array-Messungen mit Seismometern. Ein dreiviertel Jahr lang wurden zehn Messstationen betrieben, die kleinere Erdbeben registrierten, die es in Griechenland immer wieder gibt. Hinzu kamen gravimetrische Messungen des Erdschwerefeldes. Mit den gewonnenen Daten berechneten sie die Standorteffekte während eines Erdbebens.

„Das war die Grundlage, um zu prüfen, ob es in Tiryns oder Midea ungewöhnliche Bodenverstärkungen bei Erdbeben gibt“, so Hinzen. Die Zitadellen von Tiryns und Midea sind beide auf Bergrücken errichtet worden. Die Oberstadt von Tiryns steht auf einem Kalkgesteinsrücken, die umgebende Unterstadt hingegen auf lockeren Sedimenten. „Die Standorteffekte bei Erdbeben sind auf den Sedimenten sehr viel stärker. Bei einem Erdbeben würde man erwarten, dass als erstes die Unterstadt leidet und nicht der Palast.“ Gerade in der Unterstadt ist aber kein Schaden nachgewiesen. Alles, was bisher als Erdbebenschaden angesehen wurde, lag im Palastbereich. „Wir haben festgestellt, dass ein Großteil dieser beschriebenen Schäden im Palastbereich nicht als Erdbebenschaden interpretiert werden kann.“

Hinzen erklärt, warum er ein Erdbeben für unwahrscheinlich hält.

Verfall, Aufstand oder Eroberung?

Zum Teil handelte es sich stattdessen um langsamen Verfall im Laufe der Jahrhunderte oder um Fehlinterpretationen von Befunden. Hinzen und sein Team schauten sich die Verteilung der Bruchstücke so wie sie gefunden wurden an. „Wir konnten durch mehrere tausend Modellrechnungen in einer Computersimulation zeigen, dass ein Erdbeben hier als Ursache kaum in Frage kommt.“ Zum Beispiel bei den Terracottafiguren aus einem Raum in Tiryns.

Auch die grundsätzliche Erdbebengefahr in der östlichen Peloponnes betrachteten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anhand von Simulationen. „An sich ist diese Gegend für griechische Verhältnisse relativ ruhig. Wenn überhaupt, so kämen für ausgedehnte Zerstörungen in Tiryns nur lokale Erdbebenherde in der Argolis in Frage. Für solche Beben gibt es aber bisher keine Nachweise“, erklärt der Kölner Archäoseismologe. Der Ball ist nun wieder in der Spielhälfte der Archäologen. Eindeutig belegen lässt sich nur, dass der Untergang der mykenischen Hochkultur kein singuläres Ereignis war. Gleichzeitig mit dem Fall Mykenes geht das Hethitische Großreich in Kleinasien unter, Städte in der Levante werden zerstört und die Herrscher Ägyptens müssen sich des Einfalls der „Seevölker“ erwehren. Ob diese Invasoren auch etwas mit dem Untergang von Tiryns zu tun haben, muss nun geklärt werden. Die Erdbebenhypothese scheidet nun aus: „Die neuen Ergebnisse lassen bezweifeln, dass Tiryns und Midea Opfer eines „Erdbebensturms“ am Ende der Bronzezeit wurden, wie ihn einige Wissenschaftler postulieren“, resümiert Hinzen.


Text: Robert Hahn


Bild/Video: Prof. Hinzen & Janine Kloesges


Website Gestaltung: Robert Hahn


Neandertaler

Kunst galt bisher als Domäne des Homo Sapiens – nicht des Neandertalers. Die Forschung ging lange davon aus, dass nur der moderne Mensch in der Lage war, sich in abstrakten Symbolen auszudrücken. Höhlenmalereien der Neandertaler in Andalusien erzählen nun eine andere Geschichte.

Das eigentlich Spektakuläre der Höhle „Cueva Ardales“ im andalusischen Süden Spaniens ist unscheinbar und entgeht dem ersten Blick. Hier und da sind an den Wänden ein paar Farbtupfer zu sehen. Es sind Finger- und Handabdrücke, mit roter Farbe auf die Wand aufgetragen. Diese Tupfer sind es, die ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Beteiligung des Sonderforschungsbereichs 806 „Our Way to Europe“ der Uni zu Köln untersucht hat.

Die Ergebnisse sind eine wissenschaftliche Sensation und werfen ein ganz neues Licht auf Menschheitsgeschichte, denn die Spuren stammen offenbar von Neandertalern. Ergeben haben das archäologische Ausgrabungen und modernste Datierungsmethoden. Professor Dr. Gerd-Christian Weniger, der für den SFB 806 die archäologische Ausgrabung leitet, ist sich sicher: „Mit den Datierungen und den archäologischen Funden schlagen wir ein völlig neues Kapitel in der Erforschung der eiszeitlichen Höhlenkunst auf.“

Um einen rundum Eindruck der Höhle und der Atmosphäre während der Ausgrabungen zu gewinnen, wurde ein 360°-Video aufgenommen. Mit der Navigation im oberen linken Feld des Videos können Sie sich in der Höhle umsehen, als würden Sie selber darin stehen. Nach links, nach rechts, nach oben und unten. Alternativ können Sie mit der Maus die gewünschte Richtung ansteuern. Und nun steigen wir die steile, glitschige Treppe hinab in die Cueva Ardales:

Der Neandertaler war gar nicht so dumm

Das Bild vom Neandertaler als tumbem, keulenschwingenden Gesellen ist so nicht mehr zu halten. Die Fähigkeit, sich die Welt symbolisch vorzustellen und auf einer abstrakten Ebene zu kommunizieren, legt nahe, dass der Neandertaler alles andere als dumm war. Im Gegenteil: offenbar war er dem Homo Sapiens intellektuell sogar ebenbürtig.

Bisher galt, dass nur anatomisch moderne Menschen in der Lage gewesen sind, Kunst herzustellen. Das macht diesen Befund so besonders. „Alles, was mit künstlerischem Ausdruck verbunden ist – symbolisches und abstraktes Denken – wurde ausschließlich dem Homo Sapiens zugeschrieben“, sagt Weniger. „Tatsächlich müssen wir aber davon ausgehen, dass auch Neandertaler entsprechende intellektuelle Fähigkeiten hatten.“

Unser Weg nach Europa – Zeitstrahl

Vor ungefähr 200.000 Jahren entwickelte sich der Neandertaler in Europa bis er dann vor ca. 39.000 Jahre verschwand. Der Zeitstrahl bietet einen Überblick über wichtige Ereignisse aus der Zeit der Neandertaler. Sie können die Ereignisse auf dem Zeitstrahl anklicken und sich mit der Maus durch viele Jahrtausende navigieren. Alternativ können Sie die Pfeile in der Bildebene anklicken. Wir beginnen die Zeitreise vor 200.000 Jahren:

Beginn der Höhlenkunst

Es sind einfache Malereien, die die Wände in Ardales zieren. Große Flecken, Streifen und kleine Punkte. Zum Teil sind zwei oder drei Fingerspitzen nebeneinander abgebildet. Alle Darstellungen sind in rot gehalten, da die Zeichen mit Ocker direkt mit der Hand auf die Wand aufgebracht wurden. „Es wurden keine besonderen Pinsel oder Werkzeuge benutzt. Zudem sind klare Strukturen zu erkennen. Das ist nichts Zufälliges“, so Weniger.

Höhlenmalerei Neandertaler - Cueva Ardales

Die recht einfache Machart der Zeichen lässt darauf schließen, dass sie so etwas wie den Beginn der Höhlenkunst darstellen. Spannend ist, dass man in der Cueva Ardales auch ihre weitere Evolution beobachten kann. In versteckteren Abschnitten, noch weiter im Höhleninneren, gibt es bildliche Darstellungen, etwa von Huftieren und Fischen. Allerdings sind diese Bilder einige Jahrtausende jünger als die einfachen Finger- und Handabdrücke, die derzeit für Aufsehen sorgen. Die andalusische Höhle ist also auch ein beeindruckendes Zeugnis der menschlichen Entwicklung und Siedlungsgeschichte.

Höhlenmalerei Homo Sapiens - Cueva Ardales

Neue Datierungsmethode

Modernste technische Methoden bieten der Wissenschaft heute neue Möglichkeiten. Mit Hilfe der Uran-Thorium-Methode können Karbonatkrusten auf den Farbpigmenten datiert werden. Durch Messung der Ausgangs- und Zerfallsisotope können die Forscherinnen und Forscher das Alter der Kalkbildung bestimmen. Dies ist eine sehr genaue Datierungstechnik, die Kalkablagerungen bis zu einem Maximalalter von etwa 500.000 Jahren bestimmen kann. So reicht sie erheblich weiter zurück als die ansonsten gängige Radiokarbonmethode. In der Cueva Ardales ermittelte das Team nun jeweils ein Alter von über 60.000 Jahren für Darstellungen der Wandkunst. Die ersten anatomisch modernen Menschen erreichten Südwesteuropa aber erst vor 40.000 Jahren.

Das Team um Weniger stützt mit ihren Ausgrabungen den Befund der Datierung: Die Archäologen belegten durch Bodenfunde die Anwesenheit von Neandertalern zur der Zeit, in der die Wandkunst entstanden sein muss. Sie bargen eiszeitliche Werkzeuge wie bearbeitete Knochen und Steinklingen sowie ein komplett erhaltenes Stück Ocker in der Größe eines Spielwürfels, mit dem wahrscheinlich gemalt wurde. Alle Funde stammen aus Erdschichten, die mindestens 50.000 Jahre alt sind und damit weit vor der Ankunft des Homo Sapiens liegen.

Zudem kommt Ocker in der Höhle nicht vor, er muss also gezielt hineingebracht worden sein. „Dabei ist auch interessant, dass wir keine Siedlungsspuren gefunden haben,“ sagt Weniger. „Die Cueva Ardales wurde sicher nicht als Wohnhöhle genutzt, an der man sich mehrere Tage an einem Lagerfeuer aufgehalten hat.“ Die Malereien sind also keine Zufallsprodukte. Vielmehr kamen unsere Vorfahren ganz gezielt in diese Höhle, um ihre Kunst an den Wänden aufzutragen.

Insgesamt gibt es in der Cueva Ardales an rund vierzig Stellen eiszeitliche Höhlenmalereien. Erstmals wurde die Kunst 1822 entdeckt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dokumentierte der französische Archäologe Henri Breuil – in der Wissenschaft so etwas wie der Papst der Höhlenforschung – die Malereien.

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Text: Jan Voelkel


Bild/Video: Jan Voelkel & Jens Alvermann


Website Gestaltung: Corinna Kielwein


Animation: Janine Kloesges