Erdbebensturm in der Bronzezeit? – Keine Spur!

von Robert Hahn

Ging die mykenische Kultur durch ein Mega-Erdbeben unter? Die aktuellen Forschungen des Kölner Geophysikers Klaus-Günter Hinzen liefern neue Erkenntnisse zu einem alten Rätsel der Archäologie.

Ein Stoß – die Erde bebt im bronzezeitlichen Tiryns am argolischen Golf. Die zyklopischen Mauern des Palastes wanken. Eine Gruppe von Terracottafiguren auf einer Steinbank hüpft, sie taumelt wie Bowling-Kegel, die getroffen wurden. Einige der Figuren bewegen sich auf den Rand des Tisches zu, fallen auf den Boden und zerspringen. – Stopp. Das gleiche Bild: Die Terracottafiguren wackeln, hüpfen und fallen. Doch diesmal bewegen sie sich ein bisschen anders, sie fallen anders. Stopp. Klaus-Günter Hinzen spult mit der Fernbedienung die Simulation eines Erdbebens auf dem großen Bildschirm in der Erdbebenwarte Bensberg ab.

Was passiert mit einer Gruppe von antiken Figuren, wenn Erdbeben verschiedener Stärke auf sie einwirken? Viele tausend Mal haben der Kölner Geophysiker und sein Team die Figuren taumeln lassen, viele tausende von Daten mussten sie in das Computermodell eingeben. „Man hat in den 70er Jahren in einem Raum des mykenischen Palastes im griechischen Tiryns Terracottafiguren und –vasen gefunden, die zerbrochen auf dem Boden lagen“, erklärt der Kölner Seismologe, während er die Simulation erneut abspielt. „Die alte These war, dass diese Artefakte durch ein Erdbeben von einer steinernen Bank heruntergefallen seien.“ Hinzen schüttelt den Kopf: „Nach unseren Simulationen ist das sehr unwahrscheinlich.“ Die Figuren wurden zu weit entfernt vom Tisch gefunden, ihr Muster auf dem Boden stimmt nicht mit denen in der Simulation überein.

Antiken Erdbeben auf der Spur

Simulation stopp- Beginn Wirklichkeit: Hinzen ist der Leiter der Erdbebenwarte in Bensberg bei Köln. Dort überwachen er und seine Assistenten die Aktivität des rheinischen Untergrunds. Wann immer es zwischen Eifel und Ruhrgebiet in der Erdkruste rumpelt, haben seine Leute das Ohr am Geschehen: Ort, Tiefe, Stärke. Dafür haben die Wissenschaftler Messgeräte über das ganze Rheinland verteilt: in den Türmen des Kölner Doms genauso wie in der Eifel. Doch neben dieser Überwachungsarbeit übernehmen die Seismologen auch Forschungsaufträge in aller Welt als Archäo-Seismologen, so nennen sich Erdbebenforscher, die die Einwirkungen von Beben auf menschliche Bauten vor vielen Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden studieren. Dabei analysieren sie die Folgen der Beben: Verwerfungen der Erdschichten oder Zerstörungsmuster der Mauern. Die sind nämlich typisch für Erdbeben. So kamen Hinzen und sein Team an einen Forschungsauftrag und auf die Peloponnes.

Mithilfe von Simulationen überprüfen die Archäoseismologen eine alte Theorie.

Wo einst Perseus herrschte

Wo heute deutsche Pauschaltouristen zum Urlaub hinfliegen, lag einst die erste Hochkultur auf griechischem Boden. Auf der ganzen Peloponnes finden Archäologen die Ruinen der sogenannten mykenischen Kultur: Korinth, Tiryns, Midea und eben Mykene. Zyklopen sollen der griechischen Sage zufolge die wuchtigen Mauern des Palastes von Tiryns errichtet haben, der griechische Sagenheld Perseus herrschte hier mit seiner Gattin Andromeda, nachdem er sie vom Meeresungeheuer Ketos mit Hilfe einer Wunderwaffe errettet hatte: Das Haupt der Gorgone Medusa, das jeden, der es anschaut, in Stein verwandelt. Doch die Wirklichkeit ist nicht weniger fantastisch: Von mächtigen Palästen aus herrschten hier Fürsten über Städte und Länder, sie führten Kriege, leiteten eine ausgedehnte Verwaltung und pflegten die Schriftkultur. Vom 16. Jahrhundert vor Christus bis zum 12. Jahrhundert blühten die Fürstentümer der mykenischen Kultur, sie trieben Handel mit allen Mächten des Mittelmeerraumes und des Orients: Die Hethiter in Anatolien kannten die Griechen als Achijawa (Achäer), selbst die ägyptischen Pharaonen wussten von den Städten und Palästen jenseits des Meeres.

Völkersturm oder Erdbebensturm?

Doch dann war plötzlich Schluss. Um 1190 vor Christus bricht die Kultur zusammen. Die Paläste werden verlassen, es lassen sich Zerstörungen nachweisen. Etwa ein Jahrhundert noch finden sich Belege für eine Nutzung der Städte auf niedrigerem kulturellen Niveau. Dann findet auch dieses Nachglühen einer Hochkultur sein Ende. Was führte zum plötzlichen Abbruch der mykenischen Kultur? Waren es die eindringenden Stämme dorischer Griechen, die später Sparta gründeten? Waren es wirtschaftliche Probleme, die den Kreislauf des Metallhandels unterbrachen? Oder zerstörten eine Reihe von Erdbeben die blühende Kultur und löschten sie aus?

In der Ägäis stoßen die afrikanische und die eurasiatische Kontinentalplatte aneinander. Erdbeben sind in Griechenland nicht selten. Desaströse Erdbeben und Tsunamis sind aus historische Zeit in Griechenland bezeugt: Im Jahre 426 v. Christus bebte die Erde in Euböa und zerstörte die Stadt Orobiai, 373 v. Chr, ging die Stadt Helike am Golf von Korinth durch Erdbeben und Tsunami unter. Eine zuerst also nicht unplausible Theorie. Viele Archäologen erwogen deswegen ein Mega-Erdbeben oder einen „Erdbebensturm“ am Ende der Bronzezeit an, die die Paläste zerstörten.

Professor Klaus-Günter Hinzen erklärt, wie in Tiryns gemessen wurde.
Warum wurde Tiryns jetzt von Archäoseismologen vermessen?
Der Seismologe erklärt, wie die Wissenschaftler vorgegangen sind.

Untergang: ja – aber nicht durch Erdbeben

Nach seinen Untersuchungen sieht Hinzen das kritisch: „Für diese Hypothese konnten wir in den mykenischen Städten Tiryns und Midea keine Belege finden“, erklärt der Geophysiker zusammen mit dem Archäologen Professor Dr. Joseph Maran von der Universität Heidelberg. Seit 2012 haben die Kölner Archäoseismologen die mykenischen Zitadellen Tiryns und Midea im Rahmen des Projektes HERACLES (Hypothesis-Testing of Earthquake Ruined Argolid Constructions and Landscape with Engineering Seismology) untersucht.

Nun haben sie ihre Abschlussarbeit „Reassessing the Mycenaean Earthquake Hypothesis: Results of the HERACLES Project from Tiryns and Midea, Greece“ im Bulletin of the Seismological Society of America veröffentlicht. Das Projekt wurde von den Universitäten Köln und Heidelberg mit Unterstützung der griechischen Altertümerverwaltung durchgeführt und von der Gerda-Henkel-Stiftung und der Fritz-Thyssen-Stiftung jeweils zur Hälfte gefördert. Hinzen untersuchte mit seinem Team die mykenischen Zitadellen von Tiryns und Midea in der Argolis, im Nordosten der Peloponnes, wo auch Mykene liegt. Joseph Maran arbeitet seit Jahrzehnten an den Ausgrabungen in Tiryns und anderen mykenischen Städten. Für ihn war es wichtig, Klarheit über die faktische Beweislage zu bekommen.

Daten sammeln, Erdbeben simulieren

In den Jahren 2012 bis 2013 untersuchte das Team die lokale Geologie der Orte, ihre Lage in den Erdbebenzonen Griechenlands und die vermeintlichen Erdbebenschäden in den Grabungen vor Ort. Sie sammelten Daten und modellierten, wie sich Erdbeben in Tiryns und Midea ausgewirkt hätten. Die Forscher setzten eine Reihe von geophysikalischen Messverfahren ein: aktive und passive Seismik, refraktionsseismische Messungen und Array-Messungen mit Seismometern. Ein dreiviertel Jahr lang wurden zehn Messstationen betrieben, die kleinere Erdbeben registrierten, die es in Griechenland immer wieder gibt. Hinzu kamen gravimetrische Messungen des Erdschwerefeldes. Mit den gewonnenen Daten berechneten sie die Standorteffekte während eines Erdbebens.

„Das war die Grundlage, um zu prüfen, ob es in Tiryns oder Midea ungewöhnliche Bodenverstärkungen bei Erdbeben gibt“, so Hinzen. Die Zitadellen von Tiryns und Midea sind beide auf Bergrücken errichtet worden. Die Oberstadt von Tiryns steht auf einem Kalkgesteinsrücken, die umgebende Unterstadt hingegen auf lockeren Sedimenten. „Die Standorteffekte bei Erdbeben sind auf den Sedimenten sehr viel stärker. Bei einem Erdbeben würde man erwarten, dass als erstes die Unterstadt leidet und nicht der Palast.“ Gerade in der Unterstadt ist aber kein Schaden nachgewiesen. Alles, was bisher als Erdbebenschaden angesehen wurde, lag im Palastbereich. „Wir haben festgestellt, dass ein Großteil dieser beschriebenen Schäden im Palastbereich nicht als Erdbebenschaden interpretiert werden kann.“

Hinzen erklärt, warum er ein Erdbeben für unwahrscheinlich hält.

Verfall, Aufstand oder Eroberung?

Zum Teil handelte es sich stattdessen um langsamen Verfall im Laufe der Jahrhunderte oder um Fehlinterpretationen von Befunden. Hinzen und sein Team schauten sich die Verteilung der Bruchstücke so wie sie gefunden wurden an. „Wir konnten durch mehrere tausend Modellrechnungen in einer Computersimulation zeigen, dass ein Erdbeben hier als Ursache kaum in Frage kommt.“ Zum Beispiel bei den Terracottafiguren aus einem Raum in Tiryns.

Auch die grundsätzliche Erdbebengefahr in der östlichen Peloponnes betrachteten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anhand von Simulationen. „An sich ist diese Gegend für griechische Verhältnisse relativ ruhig. Wenn überhaupt, so kämen für ausgedehnte Zerstörungen in Tiryns nur lokale Erdbebenherde in der Argolis in Frage. Für solche Beben gibt es aber bisher keine Nachweise“, erklärt der Kölner Archäoseismologe. Der Ball ist nun wieder in der Spielhälfte der Archäologen. Eindeutig belegen lässt sich nur, dass der Untergang der mykenischen Hochkultur kein singuläres Ereignis war. Gleichzeitig mit dem Fall Mykenes geht das Hethitische Großreich in Kleinasien unter, Städte in der Levante werden zerstört und die Herrscher Ägyptens müssen sich des Einfalls der „Seevölker“ erwehren. Ob diese Invasoren auch etwas mit dem Untergang von Tiryns zu tun haben, muss nun geklärt werden. Die Erdbebenhypothese scheidet nun aus: „Die neuen Ergebnisse lassen bezweifeln, dass Tiryns und Midea Opfer eines „Erdbebensturms“ am Ende der Bronzezeit wurden, wie ihn einige Wissenschaftler postulieren“, resümiert Hinzen.