Kunst galt bisher als Domäne des Homo Sapiens – nicht des Neandertalers. Die Forschung ging lange davon aus, dass nur der moderne Mensch in der Lage war, sich in abstrakten Symbolen auszudrücken. Höhlenmalereien der Neandertaler in Andalusien erzählen nun eine andere Geschichte.

Das eigentlich Spektakuläre der Höhle „Cueva Ardales“ im andalusischen Süden Spaniens ist unscheinbar und entgeht dem ersten Blick. Hier und da sind an den Wänden ein paar Farbtupfer zu sehen. Es sind Finger- und Handabdrücke, mit roter Farbe auf die Wand aufgetragen. Diese Tupfer sind es, die ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Beteiligung des Sonderforschungsbereichs 806 „Our Way to Europe“ der Uni zu Köln untersucht hat.

Die Ergebnisse sind eine wissenschaftliche Sensation und werfen ein ganz neues Licht auf Menschheitsgeschichte, denn die Spuren stammen offenbar von Neandertalern. Ergeben haben das archäologische Ausgrabungen und modernste Datierungsmethoden. Professor Dr. Gerd-Christian Weniger, der für den SFB 806 die archäologische Ausgrabung leitet, ist sich sicher: „Mit den Datierungen und den archäologischen Funden schlagen wir ein völlig neues Kapitel in der Erforschung der eiszeitlichen Höhlenkunst auf.“

Um einen rundum Eindruck der Höhle und der Atmosphäre während der Ausgrabungen zu gewinnen, wurde ein 360°-Video aufgenommen. Mit der Navigation im oberen linken Feld des Videos können Sie sich in der Höhle umsehen, als würden Sie selber darin stehen. Nach links, nach rechts, nach oben und unten. Alternativ können Sie mit der Maus die gewünschte Richtung ansteuern. Und nun steigen wir die steile, glitschige Treppe hinab in die Cueva Ardales:

Der Neandertaler war gar nicht so dumm

Das Bild vom Neandertaler als tumbem, keulenschwingenden Gesellen ist so nicht mehr zu halten. Die Fähigkeit, sich die Welt symbolisch vorzustellen und auf einer abstrakten Ebene zu kommunizieren, legt nahe, dass der Neandertaler alles andere als dumm war. Im Gegenteil: offenbar war er dem Homo Sapiens intellektuell sogar ebenbürtig.

Bisher galt, dass nur anatomisch moderne Menschen in der Lage gewesen sind, Kunst herzustellen. Das macht diesen Befund so besonders. „Alles, was mit künstlerischem Ausdruck verbunden ist – symbolisches und abstraktes Denken – wurde ausschließlich dem Homo Sapiens zugeschrieben“, sagt Weniger. „Tatsächlich müssen wir aber davon ausgehen, dass auch Neandertaler entsprechende intellektuelle Fähigkeiten hatten.“

Unser Weg nach Europa – Zeitstrahl

Vor ungefähr 200.000 Jahren entwickelte sich der Neandertaler in Europa bis er dann vor ca. 39.000 Jahre verschwand. Der Zeitstrahl bietet einen Überblick über wichtige Ereignisse aus der Zeit der Neandertaler. Sie können die Ereignisse auf dem Zeitstrahl anklicken und sich mit der Maus durch viele Jahrtausende navigieren. Alternativ können Sie die Pfeile in der Bildebene anklicken. Wir beginnen die Zeitreise vor 200.000 Jahren:

Beginn der Höhlenkunst

Es sind einfache Malereien, die die Wände in Ardales zieren. Große Flecken, Streifen und kleine Punkte. Zum Teil sind zwei oder drei Fingerspitzen nebeneinander abgebildet. Alle Darstellungen sind in rot gehalten, da die Zeichen mit Ocker direkt mit der Hand auf die Wand aufgebracht wurden. „Es wurden keine besonderen Pinsel oder Werkzeuge benutzt. Zudem sind klare Strukturen zu erkennen. Das ist nichts Zufälliges“, so Weniger.

Höhlenmalerei Neandertaler - Cueva Ardales

Die recht einfache Machart der Zeichen lässt darauf schließen, dass sie so etwas wie den Beginn der Höhlenkunst darstellen. Spannend ist, dass man in der Cueva Ardales auch ihre weitere Evolution beobachten kann. In versteckteren Abschnitten, noch weiter im Höhleninneren, gibt es bildliche Darstellungen, etwa von Huftieren und Fischen. Allerdings sind diese Bilder einige Jahrtausende jünger als die einfachen Finger- und Handabdrücke, die derzeit für Aufsehen sorgen. Die andalusische Höhle ist also auch ein beeindruckendes Zeugnis der menschlichen Entwicklung und Siedlungsgeschichte.

Höhlenmalerei Homo Sapiens - Cueva Ardales

Neue Datierungsmethode

Modernste technische Methoden bieten der Wissenschaft heute neue Möglichkeiten. Mit Hilfe der Uran-Thorium-Methode können Karbonatkrusten auf den Farbpigmenten datiert werden. Durch Messung der Ausgangs- und Zerfallsisotope können die Forscherinnen und Forscher das Alter der Kalkbildung bestimmen. Dies ist eine sehr genaue Datierungstechnik, die Kalkablagerungen bis zu einem Maximalalter von etwa 500.000 Jahren bestimmen kann. So reicht sie erheblich weiter zurück als die ansonsten gängige Radiokarbonmethode. In der Cueva Ardales ermittelte das Team nun jeweils ein Alter von über 60.000 Jahren für Darstellungen der Wandkunst. Die ersten anatomisch modernen Menschen erreichten Südwesteuropa aber erst vor 40.000 Jahren.

Das Team um Weniger stützt mit ihren Ausgrabungen den Befund der Datierung: Die Archäologen belegten durch Bodenfunde die Anwesenheit von Neandertalern zur der Zeit, in der die Wandkunst entstanden sein muss. Sie bargen eiszeitliche Werkzeuge wie bearbeitete Knochen und Steinklingen sowie ein komplett erhaltenes Stück Ocker in der Größe eines Spielwürfels, mit dem wahrscheinlich gemalt wurde. Alle Funde stammen aus Erdschichten, die mindestens 50.000 Jahre alt sind und damit weit vor der Ankunft des Homo Sapiens liegen.

Zudem kommt Ocker in der Höhle nicht vor, er muss also gezielt hineingebracht worden sein. „Dabei ist auch interessant, dass wir keine Siedlungsspuren gefunden haben,“ sagt Weniger. „Die Cueva Ardales wurde sicher nicht als Wohnhöhle genutzt, an der man sich mehrere Tage an einem Lagerfeuer aufgehalten hat.“ Die Malereien sind also keine Zufallsprodukte. Vielmehr kamen unsere Vorfahren ganz gezielt in diese Höhle, um ihre Kunst an den Wänden aufzutragen.

Insgesamt gibt es in der Cueva Ardales an rund vierzig Stellen eiszeitliche Höhlenmalereien. Erstmals wurde die Kunst 1822 entdeckt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dokumentierte der französische Archäologe Henri Breuil – in der Wissenschaft so etwas wie der Papst der Höhlenforschung – die Malereien.

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Text: Jan Voelkel


Bild/Video: Jan Voelkel & Jens Alvermann


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